Münchens größte Untergrundbewegung zählt 95 Kilometer U-Bahnstrecke und fast 100 Stationen, auf denen 552 U-Bahnen täglich Millionen Menschen sicher an ihr Ziel bringen. Kein anderes Verkehrsmittel hat eine derartige Bedeutung für die Stadt. Seit den Sechziger Jahren sorgt die U-Bahn dafür, dass die Weltstadt mit Herz zusammenwächst. Im Untergrund liegen Räume, in dem sich die unterschiedlichsten Charaktere treffen und zurechtfinden müssen. Doch viele Stationen sind in die Jahre gekommen. Dutzende von ihnen werden nun bei laufendem Betrieb modernisiert – eine Mammutaufgabe: logistisch, technisch wie gestalterisch.
Den Mega-Umbau begleitet das Architekturbüro allmannwappner, das bereits einen übergreifenden Gestaltungsleitfaden für Münchens U-Bahn entwickelt hatte. Ihre Vision: ein ebenso kohärentes wie flexibles Gestaltungssystem, das den Charakter der unterschiedlichen Linien unterstreicht und das nachhaltige Verkehrsmittel fit für die Zukunft macht. Denn die Münchner:innen lieben ihre Linien, die 2024 rund 615 Millionen Fahrgäste beförderten, rund 45 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Katharina Thomas, Partnerin bei allmannwappner, sieht in dem weit verzweigten Netz nicht nur funktionale Verkehrsbauwerke, sondern öffentliche Räume. Daher steht sie für architektonische Qualität ein. Nur so könne der öffentliche Nahverkehr „ein Baustein für eine nachhaltige Mobilität sein.“
Fit für die Zukunft
Der Münchner Untergrund ist ein Nervengeflecht für 1,488 Millionen Einwohner:innen und viele Gäste der Stadt. Vor Ort zeigt sich der besondere Charme der Münchner U-Bahnhöfe. Da wäre die U6 mit ihren kultigen, farbig gefliesten Stützen und leuchtenden Bahnhöfen, die älteste und mit 27 Kilometern auch die längste Münchner U-Bahnlinie: eine starkfarbige Perlenschnur aus 26 Bahnhöfen von Garching nach Großhadern.
In der erneuerten Station Giselastraße wurde die ursprüngliche Betonstruktur freigelegt. Ein modernes Lichtsystem setzt die Stützen nun gezielt in Szene. Die Räume scheinen gewachsen – und sie sind es auch, da die alte Decke entfernt wurde: Neue Beleuchtungssysteme brauchen keine abgehängten Systeme und schaffen so Luft nach oben. Auch sonst bringen Umbauten so einiges ans Licht: Asbesthaltige Wandverkleidungen ebenso wie aufwändige Betonschalungen. Dahinter liegt eine große Frage: Sind die Bauwerke noch standsicher? Das überprüfen Expert:innen. Drehte sich in den Sechziger Jahren viel um Funktionalität, müssen die Verkehrsräume heute an aktuelle Sicherheitsnormen angepasst werden und viel mehr Fahrgäste aufnehmen. Und weil Barrierefreiheit längst Voraussetzung ist, umfasst die Sanierung auch Sperrengeschosse und Zugangsbereiche. Dazu sollen die runderneuerten U-Bahnhöfe nicht nur sauber und sicher sein, sondern auch noch leicht zu warten.
Klar für Komplexität
allmannwappner begegnet dieser Komplexität mit einem klaren Konzept. Gestalterisch heißt das: Lichtdurchlässige Materialien, größere Sichtachsen und klug platzierte Leuchtkörper geben den Fahrgäste Sicherheit und Überblick. Logistisch bedeutet das: Die in die Jahre gekommenen Bahnhöfe sollen trotz vieler neuer Vorschriften durch möglichst wenig Eingriffe optimiert und an heutige Anforderungen anpasst werden. Und das bei laufendem Betrieb. Die Arbeit an Böden, Lichtsystemen und Wandverkleidungen folgt einem übergreifenden Gestaltungsprinzip, kann aber im Handumdrehen an die jeweiligen Standorte angepasst werden. Das bedeute keinesfalls Gleichförmigkeit, sagt Dorian Zapp, Leiter des Architekturteams U-Bahn der Stadtwerke München. Vielmehr gehe es darum, „eine klare Struktur zu schaffen“, wobei individuelle Lösungen für „jeden Bahnhof entwickelt werden können.“
Richtig viel Raum
Die Münchner U-Bahnen sind Spiegel der Stadt: pragmatisch, aber mit Gespür für Atmosphäre und Zusammenhalt. Gerade unter der Erde geht es um öffentlichen Raum. Jeder U-Bahnhof, in dem sich Menschen wohlfühlen, macht das Miteinander leichter. Mobilität in der Stadt ist keine Frage der Infrastruktur, sondern der Lebensqualität. Ein gut gestalteter U-Bahnhof wird zum Ort der Begegnung. Hier kreuzen sich die Wege von Pendlern, Tourist:innen und Nachtschwärmer:innen. Daher muss er alles zugleich: Orientierung geben, Verlässlichkeit bieten und Schönheit ausstrahlen. Die Revitalisierung der Münchner U-Bahnhöfe eröffnet so eine große Chance: mehr Raum für Design, Identität und eine nachhaltige Zukunft. Wer in den Untergrund steigt, wird auch künftig eine Stadt erleben, die selbst unter der Erde an ihrer Zukunft baut.