DDX
Zukunft gestalten
Sebastian Gier von DDX darüber, warum Design über das Gestalten von Dingen hinausgehen muss – und was echter Impact heute bedeutet.
Sebastian Gier ist vieles zugleich: Designer, Stratege und Unternehmer. Doch auf die Frage, was all diese Rollen verbindet, antwortet er mit einer Idee, die größer ist als die Summe ihrer Teile: die Begeisterung dafür, positive Zukunftsbilder für Unternehmen zu entwickeln, die zu einer besseren Welt beitragen. Man könnte sagen, er lässt sich als multidisziplinärer Optimist definieren.
Als Gründer und Kurator der DDX Conference sowie Mitgründer von Footprint Intelligence arbeitet Gier täglich an dieser Vision – an der Schnittstelle von Design, Technologie und Nachhaltigkeit. Seine Perspektive steht exemplarisch für einen Wandel, der die Designbranche zunehmend prägt: Design ist längst nicht mehr nur für Ästhetik oder Benutzerfreundlichkeit zuständig. Es wird immer häufiger dazu aufgefordert, komplexe Zusammenhänge – von künstlicher Intelligenz bis zur Klimakrise – verständlich, zugänglich und handlungsrelevant zu machen.
Diese Haltung macht DDX zu einem naheliegenden Partner der munich creative business week. Während viele Konferenzen vor allem Ergebnisse präsentieren, versteht sich DDX als Plattform für Austausch. Im Mittelpunkt stehen nicht Vorträge, sondern Gespräche. „Die spannendsten Erkenntnisse entstehen im Dialog“, sagt Gier. „Wenn Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkommen, entstehen Ideen, die isoliert nie entstanden wären.“
Dieser Gedanke passt unmittelbar zum diesjährigen mcbw-Motto „Playground of Possibilities“. Für Gier beschreibt der Begriff weit mehr als eine kreative Haltung. Er verweist auf die Notwendigkeit, Räume zu schaffen, in denen Experimente überhaupt möglich werden. „Die Zukunft war noch nie so gestaltbar wie heute“, sagt er. „Dafür brauchen wir Orte, an denen Branchen, Technologien und Perspektiven aufeinandertreffen.“
Design im Zeitalter der KI
Gefragt nach den wichtigsten Entwicklungen, die das Design derzeit prägen, nennt Gier drei eng miteinander verbundene Veränderungen. Erstens verändere Künstliche Intelligenz nicht nur die Produkte und Services, die entwickelt werden, sondern auch die Art und Weise, wie Designer:innen arbeiten. Zweitens wandern UX- und Produktdenken zunehmend in strategische Unternehmensbereiche und machen Design zu einer zentralen organisatorischen Kompetenz. Drittens wird Datenmaterial selbst zu einem kreativen Werkstoff, der neue Formen generativen Gestaltens und datenbasierter Entscheidungen ermöglicht.
Entscheidend ist für Gier jedoch nicht jede Entwicklung für sich genommen, sondern ihr Zusammenspiel. „Die eigentliche Frage lautet: Wie gestalten wir KI-basierte Systeme, die wirtschaftlich erfolgreich sind und gleichzeitig gesellschaftlichen Mehrwert schaffen?“
Damit bewegt sich Design in neues Terrain. Designer:innen werden zunehmend zu Übersetzer:innen komplexer Zusammenhänge. Ihre Aufgabe besteht nicht mehr nur darin, Informationen visuell aufzubereiten, sondern technologische Komplexität in menschliche Verständlichkeit zu überführen. In der Praxis bedeute das: Transparenz statt Black Boxes, Befähigung statt Abhängigkeit und die Stärkung menschlicher Kreativität statt ihrer Automatisierung. Design wird so zur ethischen Schnittstelle zwischen Technologie und Alltag.
Verantwortung gestalten
Mit dieser neuen Rolle wächst auch die Verantwortung. Wie können wir sicherstellen, dass die Systeme und Produkte, die wir entwickeln, tatsächlich zu einer besseren Zukunft beitragen? Für Gier beginnt Verantwortung mit einfachen, aber grundlegenden Fragen: Welches Problem lösen wir eigentlich? Und für wen?
Lange wurde Innovation vor allem an Geschwindigkeit und Neuheit gemessen. Doch je mächtiger digitale Systeme werden, desto wichtiger wird der Blick auf ihre langfristigen Auswirkungen. Systeme sollten Menschen befähigen, Ressourcen sinnvoll nutzen und nachhaltigen Wert schaffen – weit über kurzfristige Markterfolge hinaus. Diese Haltung prägt auch Giers Arbeit bei Footprint Intelligence. Die Plattform unterstützt Unternehmen dabei, Emissionen mithilfe KI-gestützter Analysen zu messen und zu reduzieren. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: Komplexe Daten müssen in konkrete Handlungsoptionen übersetzt werden.
„Nachhaltigkeit wirkt oft überwältigend, weil sie so komplex ist“, sagt Gier. „Unser Ziel ist es, sie verständlich und nutzbar zu machen.“
Die Plattform verbindet Datenanalyse, User Experience und verantwortungsvoll eingesetzte KI, um Unternehmen auf dem Weg von regulatorischer Pflichterfüllung hin zu messbarer Dekarbonisierung zu unterstützen. Ein Beispiel dafür, wie Design nicht nur Innovation ermöglicht, sondern selbst zum Treiber ökologischer Transformation werden kann.
Europas Chance
Für die Zukunft sieht Gier große Chancen für Europas Kreativwirtschaft – aber auch Handlungsbedarf. Zwar verfüge Europa über enorme gestalterische Kompetenz, dennoch werde Design vielerorts noch immer als unterstützende Disziplin betrachtet, statt als strategischer Hebel. „Design muss als Strategie verstanden werden“, sagt er. „Nicht als etwas, das erst am Ende eines Prozesses hinzukommt.“
Diese Überzeugung prägt auch die Weiterentwicklung der DDX Conference. Das Netzwerk wächst international, während zugleich die Verbindung zwischen lokalen Design-Communities und globalen Innovationsdebatten gestärkt wird. Ziel ist es, Formate zu schaffen, die Technologie, Wirtschaft und Kultur miteinander verbinden – und Design eine selbstbewusstere Rolle bei der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft zu geben.