Eine Woche voller Design. Danke für die mcbw 2026!
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Public Possession

Die Kunst des 
Offenbleibens

Es gibt Projekte, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen wollen. Ist Public Possession denn nun Label? Agentur? Oder Kulturplattform? „Die Frage`Was ist Public Possession?`konnten wir noch nie richtig beantworten“, sagen die Gründer Valentino Betz und Marvin Schuhmann selbst. Was vor über einem Jahrzehnt als DJ- und Party-Kollektiv begann, hat sich zu einem vielschichtigen Organismus entwickelt, der Musik, Grafikdesign, Textilproduktion und kuratorische Arbeit zusammenbringt. 

Dass dabei das Projekt bewusst fluide ist, passt natürlich perfekt zum Motto der mcbw – ein Katalysator, wie die Macher es nennen, für alles, was sie interessiert: „Grafik, Musik, Text, Design, Architektur, Humor, Geschichte, Bildung.“ Public Possession nutzt seit Jahren die Stadt als Experimentierfeld, um Formate zu erfinden und Menschen zusammenzubringen. Von Vinyl-Releases über Club-Nächte bis zu Ausstellungen im Haus der Kunst: Das Kollektiv bewegt sich nomadisch durch Münchens Kulturlandschaft und bespielt dabei so unterschiedliche Orte wie das Charlie, den legendären Blitz Club oder eben das ehrwürdige Museum an der Prinzregentenstraße.

Flexibilität als Prinzip

Diese räumliche Flexibilität ist kein Zufall, sondern Programm. „Genauso wie wir mit verschiedenen Medien arbeiten – Textil, Papier, Objekte, Musik – ist auch die Abwechslung von Räumlichkeiten, die wir nutzen können, ein total wichtiges Privileg“, erklären die Macher. „Es hilft, neue Dinge auszuprobieren, neugierig zu bleiben.“ Was nach spielerischer Leichtigkeit klingt, ist natürlich auch eine durchdachte Strategie. Jeder Raum eröffnet andere Möglichkeiten, zieht ein anderes Publikum an, fordert andere ästhetische Entscheidungen. Im Club gilt die Logik der Nacht, der Körper, des Tanzes. Im Museum treten konzeptionelle und kuratorische Dimensionen in den Vordergrund. Diese Vielseitigkeit hält das Projekt lebendig und schützt vor der vielleicht größten Gefahr kreativer Arbeit: der Routine. So gibt es mal mit dem Kunden Victorinox eine große Schnippelparty im Laden, mal eine T-Shirt-Kollektion in Kollaboration mit Uniqlo, mal eine Serie von Grafiken und Animationen für die DLD Conference, für man mit dem Studio Wiegand von Hartmann zusammenarbeitete.

Kultur für alle – zumindest in der Theorie

Dabei ist Public Possession auch die soziale Dimension ihrer Arbeit wichtig. Bei den monatlichen „BONUS“-Veranstaltungen im Haus der Kunst, die im Rahmen des Open-Haus-Formats jeden letzten Freitag stattfinden, ist der Eintritt frei. „Generell sollte Kultur unbedingt für alle zugänglich sein“, betonen die Gründer. Gleichzeitig zeigen sie sich realistisch: „Es ändert natürlich nichts daran, dass man dennoch oft auf ein gewisses Zielpublikum beschränkt ist. Wir denken viel darüber nach, wie man da auch mal über den eigenen Tellerrand hinausschauen kann.“

Diese Selbstreflexion ist symptomatisch für die Haltung des Kollektivs. Man weiß um die eigenen Grenzen und Privilegien, will sie aber nicht als unveränderlich hinnehmen. Es geht darum, Räume zu öffnen – nicht nur physisch, sondern auch sozial und kulturell.

Die Entwicklung von Public Possession liest sich wie eine organische Wachstumsgeschichte: Ein Plattenlabel entstand, das heute Musik von Künstlern aus aller Welt veröffentlicht, eine Designagentur formierte sich, Merchandising kam hinzu, kuratorische Projekte. „Mit der Zeit kam dann so etwas wie ein externer Auftrag dazu«, erklären die Gründer. „Durch die Art und Weise, wie unsere Arbeit wahrgenommen wird, freuen wir uns zunehmend darüber, dass wir im Rahmen von P.P. Aktivitäten Menschen zusammenbringen können.“

Dieser Punkt ist zentral: Public Possession hat nicht einfach das Medium gewechselt, sondern die ursprüngliche Mission – Menschen zusammenbringen, Begegnungsräume schaffen – auf verschiedene Formate übertragen. „In gewisser Weise bringt uns das auch wieder zum Anfang zurück. Da haben wir genau das als DJs und Party-Veranstalter gemacht.“

Die vier Phasen des mcbw-Mottos – Zutrauen, Spielraum, Umsetzung, Verantwortung – treffen den Kern kreativer Prozesse; für Public Possession ist dabei der Spielraum besonders wichtig. „Es ist auf jeden Fall wichtig, sich Zeit für das Testen zu nehmen“, sagen die Macher. „Wenn es nur noch um die Umsetzung und Ausführung, die Deadlines geht, dann wird es fade.“

Diese Haltung ist in einer durchökonomisierten Kreativbranche, in der Effizienz oft über Experiment geht, fast schon radikal. Public Possession insistiert darauf, dass gute Arbeit Zeit und Raum zum Atmen braucht. „Der Kern von unserer Arbeit bei Public Possession war immer schon das Offensein. Die Möglichkeiten nutzen, wie sie kommen. Neue Sachen ausprobieren. Dann fühlt sich das Ganze in den besten Momenten auch weniger wie Arbeit und mehr wie Spiel an.“

München als Labor

Die Stadt München spielt in dieser Konstellation eine besondere Rolle. Einerseits gilt sie nicht unbedingt als Hotspot progressiver Clubkultur, andererseits bietet München genau deshalb Freiräume: weniger Konkurrenz, dafür mehr Möglichkeiten, eigene Strukturen aufzubauen. Public Possession hat diese Position produktiv genutzt und sich als Knotenpunkt zwischen lokaler Szene und internationalen Netzwerken etabliert.

„Wir freuen uns sehr über alles, was da ist, und versuchen möglichst viel davon zu verbinden“, sagen die Gründer über die lokale Kreativszene. „Ein Austausch ist mit das Wichtigste, man gerät ja schnell mal in die Versuchung, zu sehr die eigene Suppe zu kochen.“ Und ein großer Optimismus in die Szene selbst: „Das, was fehlt, wird kommen, irgendwer wird es machen – intuitiv!“

Diese Gelassenheit speist sich aus einer tiefen Überzeugung: dass Kultur nicht von oben verordnet, sondern von unten entwickelt wird. Dass die interessantesten Dinge oft dort entstehen, wo niemand sie erwartet. Und dass es wichtiger ist, offen und neugierig zu bleiben, als einen fertigen Masterplan zu verfolgen – ob nun als Label oder Community, Kulturplattform oder Versuchslabor – Hauptsache, lokal verwurzelt und global vernetzt.

Der Beitrag zu ViOX Design erscheint außerdem im mcbw magazine 2026.