Tangity
Komplexität wieder menschlich machen: Der Wert von Spiel für
Innovation
Rasanter technologischer Wandel, wirtschaftlicher Druck und wachsende Unsicherheit: vielen Unternehmen erscheint es sicherer, in einer defensiven Haltung zu verharren. Tangity, die Design- und Innovationseinheit von NTT Data, plädiert für einen anderen Ansatz: einen, der Struktur mit Experimentierfreudigkeit und langfristiges Denken mit Neugier in Einklang bringt. Im Gespräch reflektiert Dennis Tischer, Leiter von Tangity Deutschland, über japanische Wurzeln, technologische Tiefe und darüber, warum ein Spiel (auch) Regeln braucht, um neue Möglichkeiten zu erschließen.
Für diejenigen, die Tangity noch nicht kennen: Was machen Sie und wie positionieren Sie sich?
Tangity ist die Design- und Innovationseinheit innerhalb von NTT Data, einem japanischen Technologieunternehmen, das, auch wenn es in Europa noch nicht sehr bekannt ist, zu den weltweit größten IT-Dienstleistern zählt. Das Besondere an Tangity ist, dass wir nicht als Agentur übernommen wurden. Wir sind über viele Jahre hinweg organisch innerhalb der Organisation gewachsen und haben ein Team aus Designer:innen, Strateg:innen, Technologie- und Innovationsspezialist:innen aufgebaut.
Wie prägt dieser Hintergrund Ihre Arbeit?
Tischer: Das bedeutet, dass wir nicht bei Ideen, Konzepten oder Schnittstellen stehen bleiben. Unsere Rolle beginnt oft viel früher, nämlich damit, Probleme zu definieren, Anwendungsfälle zu identifizieren, Zukunftsszenarien zu erkunden und Komplexität zu übersetzen. Und das setzt sich auch im weiteren Verlauf fort, denn wir sind Teil eines Ökosystems, das Technologie tatsächlich in großem Maßstab umsetzen kann. Kunden vertrauen darauf, dass unsere Vorschläge nicht nur konzeptionell stark, sondern auch technisch fundiert sind.
Sie nennen die japanische Kultur als Einfluss. Wie zeigt sich das in der Praxis?
Tischer: Der größte Unterschied ist das langfristige Denken. Japanische Unternehmen arbeiten in der Regel mit Drei- oder Fünfjahresplänen. Selbst wenn es ein oder zwei Jahre lang nicht gut läuft, besteht die Reaktion nicht darin, alles über Bord zu werfen. Es gibt ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber Menschen, Teams und der Gesellschaft, das für Stabilität sorgt. Diese Denkweise prägt auch, wie wir Teams aufbauen und Beziehungen zu Kunden gestalten.
Das mcbw-Thema in diesem Jahr lautet „Playground of Possibilities“. Würden Sie sagen, das überschneidet sich mit Ihrer Praxis?
Tischer: Auf jeden Fall! Auch wenn es nach wie vor Einschränkungen gibt. Viele Kunden sind immer noch von einer gewissen Vorsicht getrieben: Kostendruck, Automatisierung, Effizienz – das sind alles Themen, die für viele nach wie vor sehr real sind. Aber intern haben wir bewusst beschlossen, den Fokus wieder auf Wachstum und Möglichkeiten zu richten. Nicht, um blind optimistisch zu sein, sondern um konstruktiv zu sein und nach Chancen zu suchen.
Was bedeutet „Spielen“ in diesem Zusammenhang?
Tischer: Spielen bedeutet nicht gleich Chaos. Ein Spielplatz ist ein abgegrenzter Raum, er hat Regeln, Strukturen und Signale. Innovation funktioniert eigentlich genauso: Man braucht Raum zum Experimentieren, um Ideen zu testen, ohne das Ergebnis zu kennen, aber innerhalb eines Rahmens, der Orientierung gibt. Genau dort ist Tangity oft tätig: Wir schaffen strukturierte Räume für diese Art der Erkundung.
Wie trägt Design dazu bei?
Tischer: Die wichtigste Rolle des Designs ist meiner Meinung nach heute eine Übersetzungsleistung. Technologie, Wirtschaft und menschliche Bedürfnisse erscheinen oft wie unterschiedliche Sprachen. Designer:innen sind in einzigartiger Weise befähigt, zwischen diesen Bereichen zu übersetzen. Sie sind dafür ausgebildet, Probleme umzuformulieren, Komplexität zu reduzieren und abstrakte Möglichkeiten greifbar zu machen. Je leistungsfähiger und komplexer Technologie wird, desto wichtiger wird diese Übersetzerrolle.
Besonders in Zeiten von KI?
Tischer: Auf jeden Fall. KI kann zwar schnell Ergebnisse liefern, aber sie entscheidet nicht, was wichtig ist. Sie beurteilt weder Relevanz noch Ethik oder menschliche Werte. Designer:innen helfen dabei, technologisches Potenzial in sinnvolle, verantwortungsvolle Ergebnisse umzuwandeln. Deshalb lautet unser Anspruch: „Wir humanisieren Komplexität.“ Es geht darum, Technologie wieder auf menschliche Maßstäbe zurückzuführen.
Eine Frage, die sich viele Organisationen stellen: Wie können sie mehr Neugier und kreative Freiheit in ihren Alltag integrieren?
Tischer: Es beginnt eigentlich immer mit der Unternehmenskultur. Man kann Neugier nicht vorschreiben, aber man kann Bedingungen dafür schaffen. Gemeinsame Formate über Disziplinen hinweg helfen dabei ebenso wie das bewusste Einplanen von Zeit, die vielleicht nicht sofort quantifizierbar ist: Zeit zum Erkunden, für Ausstellungsbesuche, das Erstellen von Prototypen oder einfach zum Nachdenken. Es ist schwer, diesen Freiraum im Tagesgeschäft zu bewahren, aber ohne ihn bleibt Innovation eigentlich theoretisch…
Eine Botschaft, die Sie den mcbw-Besuchern mit auf den Weg geben möchten?
Tischer: Innovation lebt von Neugier, nicht von Angst – und Spiel ist ihr natürlichster Ausdruck. Gerade in schwierigen Zeiten brauchen wir den Optimismus, über die Gegenwart hinauszudenken und uns neue Möglichkeiten vorzustellen. Als Designer sind wir in einzigartiger Weise dafür gerüstet, diesen Transformationsprozess anzuführen und zwischen menschlichen Bedürfnissen, technologischem Potenzial und geschäftlichem Nutzen zu vermitteln.
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