Werkbund Werkstatt Nürnberg
Lernen durch
Machen: Warum unsere Hände weiterhin wichtig sind
Kreativität wird heute oft auf unsere Bildschirme reduziert. Umso wertvoller sind Initiativen wie die Werkbund Werkstatt in Nürnberg: sie möchte Zeit schenken, die Haptik von Materialien und die Freude am Machen für sich zu entdecken. Seit mehr als 40 Jahren ist sie ein Ort, an dem junge Menschen – abseits konventioneller Bildungswege – gemeinsam durch praktisches Tun lernen. Norbert Zlöbl, Geschäftsführer und Schulleiter, spricht darüber, weshalb händisches Gestalten, gemeinsame Prozesse und strukturiertes Spielen heute relevanter sind denn je.
Für Leser:innen, die die Werkbund Werkstatt Nürnberg vielleicht nicht kennen: Was ist das und warum gibt es sie?
Norbert Zlöbl: Die Werkbund Werkstatt Nürnberg wurde vor über 40 Jahren gegründet, im Anschluss an eine Diskussion über das, was als „der Mensch ohne Hände“ bezeichnet wurde. Schon damals gab es die Sorge, dass zunehmende Spezialisierung, Automatisierung und computerbasierte Arbeit dazu führten, dass den Menschen wesentliche praktische und sensorische Erfahrungen verloren gingen. Die Idee war, einen Ort zu schaffen, an dem junge Menschen, bevor sie sich für einen Beruf oder ein Studium entscheiden, mit echten Materialien arbeiten und ihre eigenen Fähigkeiten durch Praxis entdecken können.
Wie sieht das ganz praktisch aus?
Zlöbl: Die Teilnehmer:innen verbringen ein ganzes Jahr bei uns und arbeiten in Werkstätten für verschiedene Materialien: Holz, Metall, Glas und Textilien. Sie werden von professionellen Designern, Handwerkern und Künstlern unterstützt, und die Aufgaben sind bewusst abstrakt gehalten. Es gibt kein vordefiniertes Ergebnis, kein Produktbriefing, keine „richtige“ Lösung. Diese Offenheit ist entscheidend, denn sie ermöglicht es den Menschen, zu entdecken, was Materialien leisten können und was sie selbst leisten können, ohne sofort in Richtung Nützlichkeit oder Leistung gedrängt zu werden.
Diese Offenheit klingt sehr ähnlich zum mcbw-Thema „Playground of Possibilities“.
Zlöbl: Ja, aber es ist wichtig zu sagen: Ein Spielplatz bedeutet nicht Chaos. Spielen braucht Struktur. Die Materialien selbst schaffen Disziplin. Glas erfordert Konzentration und Präzision, Metall fordert Widerstandsfähigkeit und Geduld, Textilien fordern Offenheit und Experimentierfreude. Disziplin entsteht nicht aus rein heteronomen Regeln wie in der Schule, sondern vielmehr aus der Fähigkeit, in den Gestaltungsprozess einzutauchen und sich von ihm leiten zu lassen. Die Menschen kommen, konzentrieren sich und bleiben dran, weil ihnen die Arbeit wichtig ist.
Wie entstehen Ideen in diesem Prozess?
Zlöbl: Oft eben nicht so, wie man es erwartet. Viele kommen mit vagen Vorstellungen oder festen Bildern davon, was sie machen wollen. Aber in der Praxis entstehen Ideen durch die Interaktion mit dem Material. Man entdeckt etwas zufällig, man bemerkt eine Spannung, eine Form, einen Fehler, und plötzlich ist da Potenzial. Es ist ein dialektischer Prozess: Das Material beeinflusst das Denken und das Denken reagiert auf das Material. Die Idee existiert nicht zuerst und wird dann später umgesetzt. Sie entwickelt sich durch das Machen.
Welche Rolle spielt die Reflexion?
Zlöbl: Eine sehr wichtige! Nach jeder Workshop-Phase präsentieren die Teilnehmer:innen ihre Arbeit der Gruppe. Sie sprechen darüber, was funktioniert hat, was nicht, wo sie Schwierigkeiten hatten, wo Entscheidungen auch mal schwerfielen. Diese verbale Reflexion hilft ihnen, ihren eigenen Prozess zu verstehen – und dabei von anderen zu lernen. Es ist soziales Lernen, kein Wettbewerb.
Inwiefern steht dieser Ansatz im Zusammenhang mit digitalen Werkzeugen, KI und bildschirmbasiertem Design?
Zlöbl: Digitale Werkzeuge sind wichtig, aber sie sind eben auch nur Werkzeuge, keine echten Grundlagen. Ohne materielle und ästhetische Erfahrung verfehlt Design die Realität. Ein Computer kann die Erfahrung nicht ersetzen, wie sich Licht in Glas manifestiert oder welche Eigenschaften im Material Holz schlummern. Viele Teilnehmer:innen sagen uns, dass sie dankbar sind, eine Weile „digital offline“ zu sein. Das schärft ihre Wahrnehmung und verändert ihre Denkweise. Später, wenn sie digital arbeiten, tun sie dies mit einem tieferen Verständnis der materiellen Realität.
Was nehmen die Teilnehmer:innen idealerweise über Fähigkeiten und Orientierung hinaus mit?
Zlöbl: Ein Gefühl der Handlungsfähigkeit. Sie erleben, dass die reale Welt Widerstand leistet und dass sie aber genau darauf reagieren können. Sie erleben außerdem auch, wie es ist, zusammenzuarbeiten, ohne ständigen Vergleich oder Druck. In einem System, das oft den Wettbewerb fördert, ist dies ein anderes Konzept von Lernen und Zusammenarbeit.
Wenn Sie eine Botschaft für die mcbw-Besucher:innen zusammenfassen müssten?
Zlöbl: Vertraut dem Prozess! Akzeptiert Unsicherheit. Gestaltet echte Dinge. Durch praktisches und reflektiertes Handeln formen sich nicht nur Materialien; sie formen auch unser Verständnis von uns selbst und der Welt.