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Das MCBW Schlüsselbild 2021
Der Octoid: Unsere Zukunft im Spannungsfeld zwischen Natur und Technik

Wie wollen wir morgen leben? Gestalter*innen aller Disziplinen kommt beim Nachdenken über diese Frage besondere Bedeutung zu – von der Idee über die Entwicklung von Prozessen und Strukturen bis zur Gestaltung von Lebensräumen und Beziehungen. Wo sorgfältig und nachhaltig gedacht und gestaltet wird, entsteht eine lebenswerte Zukunft. Denn wie entscheidend es heute ist, flexibel und kreativ neue ‚Zukünfte‘ zu entwickeln, zeigt allein die aktuelle Corona-Krise. Auch deshalb lautet das Motto der MCBW 2021: Shaping futures by Design. 

Spannungsfeld Natur und Technik

Das von Kochan & Partner entworfene Keyvisual für die MCBW 2021 erweitert früheste Erscheinungsformen natürlichen Lebens um artifizielle Elemente: Im androiden Oktopus begegnen sich nicht nur Evolution und Zukunft, sondern auch Natur und Technik – Bezüge, die hohe Aufmerksamkeit verdienen, da sie sowohl Innovationspotenzial bieten als auch extrem verletzlich sind. In ihnen steckt entscheidendes Potenzial für Innovation und nachhaltige Lösungen. Gestaltungspotenzial, das verantwortlich einzusetzen ist.

 

Genies aus der Tiefsee

Octopoden – auch Kopffüßer oder Tintenfische genannt – gehören zu den wohl faszinierendsten Kreaturen unseres Planeten: Seit mehr als 500 Millionen Jahren tauchen sie durch Tiefsee, Küstengewässer oder Gezeitentümpel. Ihre Artenvielfalt reicht vom nur wenige Millimeter großen Zwergtintenfisch bis zum gigantischen Riesenkalmar mit über fünf Metern Länge. Octopoden haben blaues Blut, drei Herzen und tragen ihre Arme und Beine direkt am Kopf – dabei sind sie mit tänzerischer Grazie ständig in Bewegung. Das Wesen der Krake lässt sich als anpassungsfähig, blitzschnell und verblüffend intelligent beschreiben, was ihr den Beinamen »Mensch des Meeres« eingebracht hat. Ihre Gedanken und Launen zeigen Octopoden als wechselndes Farbspiel auf der Haut. So kommunizieren sie mit Freund oder Feind oder passen sich rasch der Umgebung an. Als feinfühlige, kluge und vernunftbegabte Lebewesen zeigen sie ein ausgesprochenes Interesse an ihrer Umwelt: Sie versuchen ihre Umgebung zu verstehen, beobachten, reagieren und lernen instinktiv dazu. Eigenschaften, die auch für uns Menschen von größter Bedeutung sind – ganz besonders, wenn es um Zukunftsgestaltung geht.

Human Skills: Fluch und Segen

Künstliche Intelligenz, Bionik, Gentechnik etc. – der Mensch ist in seiner Auseinandersetzung mit Natur und Technik weit fortgeschritten. Und während wir einerseits einen Forschungserfolg nach dem anderen feiern, hält die Natur andererseits zahlreiche Geheimnisse und Überraschungen für uns bereit, die wir ihr teilweise ungewollt entlocken. Menschengemachte Phänomene wie der Klimawandel oder die Corona-Pandemie sind tägliche Reminder. Erinnerungen an die Verantwortung, die in jedem Fortschritt steckt. Wie weit können wir unsere Gesellschaft voranbringen, ohne unberechenbare Naturreaktionen zu provozieren?

Unser "neuer" Freund der Android

Einen hohen Stellenwert nimmt aktuell unser Verhältnis zu Androiden und Robotern ein, in denen sich das Künstliche mit dem Natürlichen verbindet. In der Literatur tauchen schon in der Wende zum 19. Jahrhundert die ersten Berührungspunkte dazu auf, etwa bei Jean Pauls (geb. in Wunsiedel) Maschinenmann (1789) oder Mary Shellys in Ingolstadt verortetem Frankenstein (1818) um nur zwei weltbekannte Versionen mit bayerischem Bezug zu nennen. Auch in der Frühzeit des Films treten beispielsweise in Metropolis (1927) von Fritz Lang menschenähnliche Roboter auf. Sie wirken ebenso faszinierend wie bedrohlich. Während Roboter aus vielen Bereichen heute nicht mehr wegzudenken sind, werden Androide bisher vor allen Dingen in der Pflege, im Haushalt oder zur Unterhaltung eingesetzt. Sie schieben Tablettwagen, können Getränke ausgeben, putzen Fenster, wischen Böden oder tragen Lasten. Für Menschen mit Hörschädigungen liefern sie Übersetzungen in Gebärdensprache oder sie tragen zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit von autistischen Menschen bei. In einigen Fällen konnten die Androiden, die in sie gestellten Erwartungen jedoch nicht erfüllen. So musterte ein sogenanntes Roboter-Hotel nach Beschwerden seiner Gäste mehr als die Hälfte der 243 Roboter aus. Gleichzeitig werden Menschen durch medizinische Implantate möglicherweise auch selbst immer mehr zum Androiden.

Das MCBW-Schlüsselbild 2021: der Octoid

Das Keyvisual der MCWB 2021 versinnbildlicht die vielfältige Verantwortung, die dem Menschen in der Gestaltung unserer Zukunft zukommt: Der Oktopus mit dem roboterartigen Kopf vereint robust wirkende Technik mit verletzlichen Naturelementen. Und während die Schmetterlinge Transformationsprozesse symbolisieren, spielt das frische Grün im „Ohr“ des Androiden auf Miniatur-Gärten an, die eigene Ökosysteme bilden. Die künstliche Haut verweist auf aktuelle Forschungsprojekte, die es Robotern erlauben, ihre Umwelt detaillierter wahrzunehmen und angemessen auf Veränderungen zu reagieren. Der aus Oktopus und Android vereinte Octoid steht für einen mutigen Blick in die Zukunft, denn für eine lebenswerte Zukunft braucht es Leidenschaft und Flexibilität, Instinkt und Intellekt, Rücksicht und Fortschritt.

Unsere Zukunft – eine Frage der Gestaltung

Während die Welt sich weiterhin unaufhaltsam globalisiert, digitalisiert und beschleunigt, wächst der gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedarf an nachhaltigen und sozial verträglichen Konzepten sowie Handlungsweisen. Wie wir morgen leben – wie wir lernen, kommunizieren, arbeiten? Eine Frage der Gestaltung. Die MCBW begibt sich in der aktuell schwierigen Zeit in genau diese herausfordernde und gleichzeitig spannende Auseinandersetzung mit der Zukunft und betrachtet die Welt von morgen durch die Brille des Designs. Im besonderen Fokus stehen dabei die MCBW Themenfelder Zukunft der Gesundheit, Zukunft der Sicherheit, Zukunft der Arbeit, Zukunft der Bildung, Zukunft der Kommunikation und Zukunft der Städte.

Copyright Bilder: MCBW & iStock