Unser täglich Brot
gib uns heute ...

Ein Perspektivwechsel

Du stehst beim Bäcker, kaufst eine Semmel, zahlst aber zwei. Pay two, take one ... der Bon für die zweite wird als Geschenk an einen Haken gehängt. Einlösen kann ihn jeder: Schenken statt spenden! Eine leise Revolution, (collaborative) Consumption neu interpretiert – Social Design at its best!


Langsam, aber nachhaltig findet das Konzept von Brot am Haken seinen Weg in den Einzelhandel, hauptsächlich in Bäckereien, aber auch Eisdielen, Cafés, Döner- und Dorfläden, ja sogar Friseure und ein Zahnarzt sind schon im Boot – bis jetzt machen über 60 Läden mit. Eine Initiative, die Schenken im Alltag und nachbarschaftliche Teilhabe fördert. Damit die Idee »Einfach. Freude. Schenken.« sich weiter verbreitet und wachsen kann, startet Mitte November 2018 eine Crowdfunding-Kampagne. Ein gemeinnütziges Münchener Start-up – eine Erfolgsgeschichte.

Diese Geschichte beginnt eigentlich in Neapel.

Mit dem Caffè sospeso, dem aufgeschobenen Kaffee. Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts kann man in vielen Bars der Stadt zwei Kaffee zahlen, um einen zu hinterlegen – quasi auf Halde, vom Barista notiert und auf Nachfrage ausgeschenkt. Diese Idee ist so einfach wie gut … kein Wunder also, dass sie sich auf den Weg machte. Zum Beispiel als fliegender Kaffee nach Berlin – oder als Brot im Beutel nach Istanbul, wo sich wiederum der Hamburger Bäcker Sören Özer inspirieren ließ und aus dem Beutel kurzerhand drei Haken für Kassenbons machte.

Bei eben diesem Bäcker wurde Thilo Schinkel auf das Konzept aufmerksam, machte sich gleich ans Werk und entwickelte 2013 den Markenauftritt von Brot am Haken, damals noch Designstudent, heute Geschäftsführer der Hamburger Design-Agentur Sherpa. »Ich habe Brot am Haken zum ersten Mal bei Sören Özer gesehen. Er hatte die Idee aus der Türkei mitgebracht und mit Begeisterung und ganz pragmatisch umgesetzt.« Schinkel spürte das große Potential der einfachen Idee und hat mit seinen konzeptionell-gestalterischen Überlegungen die Grundlagen für die heutige Verbreitung gelegt

Die Aktion Brot am Haken hat keinen eigenen Raum, weil sie in unterschiedlichen Läden stattfindet.

»Darauf haben wir bei der Gestaltung des Corporate Designs geachtet. Die Aktion soll sich also gerade noch so stark abheben, dass sie auffällt, aber nicht störend und dadurch konkurrierend wirkt. Die Bildmarke hat die Form eines stilisierten Brots und steht symbolisch für alle Lebensmittel – und greift auch seine christliche Historie als Symbol des Teilens auf. Brot am Haken versucht es  Menschen im Alltag leichter zu machen – zu geben und zu nehmen.«


Vom Design zum Verein.

Im Jahr 2015 stieß Michael Spitzenberger im Internet auf die Idee, beschloss alle zusammenzuführen und gründete den gemeinnützigen Verein Brot am Haken in München. Seine Motivation: teilen, etwas vom eigenen Glück weitergeben, gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Er meint es ernst. Für eine sinnstiftende Arbeit hat er seinen Job als Immobilienmakler aufgegeben. Bei der MCBW 2018 stellte er sein Konzept und die Entstehungsgeschichte auf der MCBW START UP erstmals ganz neuen Kreisen vor. Dieser öffentliche Workshopreihe präsentiert designorientierte Start-ups, ihre Ideen und Produkte. Gründer trifft Experte trifft Zielgruppe … zum Austauschen, Abchecken, Beflügeln. Der Gedanke dahinter: Wirtschaft und Gesellschaft brauchen frische, nachhaltige Konzepte, quergedacht und umsetzbar.

Für Spitzenberger war es spannend, bei dieser Gelegenheit zu sehen, »wie viele neue Ideen da draußen sind … mit so viel Herzblut!« Und Brot am Haken war dankbar dafür, »dass die Kreativität eines Sozialunternehmens dort auch gewünscht und gefragt ist.« Angetreten in der MCBW-Kategorie »Social Design & Entrepreneurship« ist Brot am Haken ein Beispiel für die Strahlkraft von Design. Denn neben dem sozialen Aspekt, der auf der Hand liegt bzw. am Haken hängt, findet hier auch ganz konkret Stadtgestaltung statt.

In Folge erhielt die Agentur Sherpa um Thilo Schinkel für die Marken- und Design-Entwicklung den begehrten iF Design Award in Gold und vom ADC, dem Art Directors Club, einen »Silbernen Nagel«. Das Projekt selbst kann sich über den dm-Helferherzen-Preis 2016 und den Paulaner-Salvator-Preis 2017 genauso freuen wie über den startsocial-Preis 2018.


Gut Sinn will Weile.

Design- und Gutmenschpreise, eine breite Berichterstattung in den Medien und begeistertes Feedback von allen Beteiligten – warum geht die Verbreitung dieser Idee nicht durch die Decke? Spitzenberger hat nicht nur da die Ruhe weg: »In die Tiefe zu gehen, kostet einfach Zeit.« Und genau hierhin interpretiert er den Expansionsbegriff, in die Tiefe. Also Konzentration auf München, und trotz vieler weiterer grandioser Ideen »kurz anhalten im Hamsterrad«, ein Schritt nach dem anderen. Er will »langsam wachsen, das System standardisieren – und nicht den Menschen«.

Michael Spitzenberger ist ein Hinterfrager, Querdenker – ein Visionär, kein Missionar. Er ist gut darin, das Große im Kleinen zu sehen und das Kleine groß zu denken. Aus »Geiz ist geil« wird bei ihm eine Kultur des Schenkens.

Aus Nebeneinander wird miteinander, aus Teilen wird Normalität.

Kontrolle ist gut, Vertrauen besser. Und geschenkt ist geschenkt. Dabei zeigt die Erfahrung: Geben ist nicht das Thema – vielmehr das Nehmen. Der Münchner Brot-am-Haken-Pionier Ludwig Neulinger weiß aus seinen vier Filialen zu berichten, dass die Nehmer in den Bäckereien mit Stammkundschaft deutlich zurückhaltender sind, gar warten, bis der Laden leer ist. In den Läden mit Laufkundschaft hingegen hängen die Bons deutlich kürzer – man kennt sich ja nicht.

Dabei wird gar nicht kontrolliert, ob und warum wer auch immer einen Bon einlöst. Könnte ja auch sein, dass jemand gerade sein Geld vergessen hat und dafür beim nächsten Mal doppelt so viel an den Haken hängt. In den Worten von Neulinger: »Die Reaktionen auf das Hakenbrett sind halt so etwas wie der Spiegel unserer Gesellschaft«. Dabei gibt es (versteckte) Armut überall. Spitzenberger stellt dazu Fragen wie

Was heißt Bedürftigkeit eigentlich? Wer entscheidet, wer bedürftig ist und wer nicht? Geht es dabei nur um Geld? Ist die Lust, zu geben, auch ein Bedürfnis?! Gibt es einen Unterschied zwischen Bedürfnis und Bedürftigkeit?

Seine schlaue Antwort: »Um sich erst gar nicht in diese komplexe und subjektive Spirale zu begeben, bleibt die Leistungsgesellschaft einfach draußen und wir sprechen nicht vom Spenden, sondern vom Schenken.« Oder: Gestaltungsspielraum beginnt im Kopf.

Miteinander. Füreinander. Damit Schenken zur gesellschaftlichen Teilhabe wird, braucht es mehr als gutes Design und Auszeichnungen. Der Verein will finanziell eigenständig bleiben – die weitere Professionalisierung und Skalierung soll über eine Crowdfunding Kampagne angestoßen werden, die im November 2018 beginnt.

Auch dafür braucht es Mitstreiter, Haken-Buddys und andere Freiwillige. Einige davon konnte Spitzenberger erfreulicherweise auf der MCBW Creative Demo Night für seinen Verein begeistern. Spenden darf man schon auch, denn Miete, Telefon und neue Bretter bezahlen sich nicht von allein. Vor allem aber geht es um bürgerschaftliches Engagement. Um einen Mehrwert für die Gesellschaft. Brot am Haken lässt nach- und umdenken. Ohne Zeigefinger. Nur mit einem Haken!

Einfach. Freude. Schenken.

Mitmachen. Weitersagen.

Einfach unter BROT AM HAKEN oder gleich die App holen.
Außerdem: Den Lieblingsbäcker anstupsen und nach Brot am Haken fragen.
Und nicht vergessen: Sich ab dem 19. November 2018 dem Schwarm anschließen und mit der Crowd funden!

Social Design

Gedanken, Erfahrungswerte, Fakten

Design trifft Ethik und Respekt. Social Design übernimmt Verantwortung, stellt Menschen und Gesellschaft in den Mittelpunkt, macht sie und ihre Themen, Herausforderungen, Interaktionen zum Gestaltungsobjekt. Macht den Designprozess zum Motor von gesellschaftlichem Wandel. Denkt mit, packt an, will teilhaben und Teilhabe. Ist ergebnisoffen und naturgemäß nicht statisch.

Social Design ist interdisziplinär – seine potentiellen Gestaltungsmittel sind so mannigfaltig wie involvierte Spezialisten. Der Anspruch ist hoch: Social Design muss einfach sein – einfach als Konstrukt, in der Nutzung, der Pflege, der Entsorgung. Social Design hallt nach und ist nachhaltig. Von Menschen für Menschen. Miteinander. Füreinander.

Autorin

Sandra Hachmann

Autorin

Wortgewand zwischen den Zeilen, auf den Punkt. Sandra Hachmann denkt und (be)schreibt: Ideen, Konzepte, Texte. Eigentlich über alles, am liebsten über Themen mit gesellschaftlicher Wirksamkeit.

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