MUNICH CREATIVE BUSINESS WEEK 2019
Ein Rückblick in zwei Teilen

Über 200 Events in neun Tagen – manchem fiel da die Entscheidung nicht leicht, wohin zuerst gehen und schauen?
Nicht so unserer Werkstudentin Judith Schmidt; sie nutzte das pralle Angebot der MCBW einfach für einen ganz persönlichen Blick auf Münchens Designszene und begab sich mit einem vollgekritzelten Eventguide auf Tour.

Teil 2
Vom Aha-Erlebnis mit Designlegende Hartmut Esslinger, der Begegnung mit einem echten kubanischen Rebellen und
dem süßen Moment des Verliebens in rotem Kinosessel-Plüsch.

Decades of Innovation / 50 Jahre frog


Because design is making money!


Sehr, sehr feierlich, Lichteffekte in lila und grün, Empfangskomitee, elegant und schlicht, geschlossene Veranstaltung, Häppchen und Wein werden herumgereicht, auserlesene Gäste – das sind die ersten Eindrücke. Die Veranstaltungen der MCBW sind so vielfältig, dass man eigentlich nie genau weiß, was einen erwartet.

Vorab ein paar Produkte, durch die die Designschmiede frog zur Legende wurde:
Wega TV Classic, Hansgrohe Tribel Showerhead, Sony Walkman, Apple Snow White Design Language, Apple IIc, Yamaha Motocycle FZ750, SAP, ... alle vor Ort live zu sehen in der kleinen Ausstellung.

Die inzwischen weltweit agierende Designagentur mit Sitz im Silicon Valley hat ihre Wurzeln in Altensteig im Schwarzwald, agiert inzwischen aber von Studios in München, Palo Alto, Austin, Mailand, New York, San Francisco, San José, Seattle und Shanghai aus. Deshalb musste das 50-jährige hier gefeiert werden, und entsprechend international war auch das Publikum. Gründer und Designlegende Hartmut Esslinger gab eine – zur Erheiterung des Publikums – politisch sehr unkorrekte Rede von sich.

I could never behave because why should I?

Eigentlich war es ein Interview. Auf jeden Fall war es unverschämt, rebellisch und erfrischend. Besonders auch die Einblicke ins Eheleben mit Patricia Roller (lila Haare, rote Brille), die, nun ja, bühnenreif waren (»We kept it together« »She’s the only one who could handle me«).

Hier ein paar Zitate des »Crazy German« und von Patricia, weil man es besser nicht ausdrücken kann:

  • Arrogance and stupidity everywhere. Give designers the respect they deserve! Pay designers well! (Hartmut)

  • Design is a hard skill. You don’t learn it in a workshop. You don’t do music-thinking workshops, or doctor-thinking workshops! (Patricia)

  • Because Design is making money! (Patricia auf die Frage, wie sie zum Design gekommen ist)

  • Apple, Sony were also on the way up. The secret is to catch one that is on the way up. (Hartmut)

  • We didn’t get payed but we got 1% of the company. After that we were rich. So they couldn’t push us down anymore. (Hartmut)

  • Beige is not the natural color of plastic. It was because of the dust (Hartmut auf die Frage, wie er beim Design der Apple-Produkte bei Beige bleiben konnte).


Am Ende gab es Tränen: »My students are like my babys (...) and frog is the big baby … so, I’m blessed to have such a life« – und Patricia tanzte auf der Bühne »Will someone give me something to drink?!« Alles in allem ein inspirierendes und erstaunliches Event.

EDCH – The Idea Salon


Trump made covers great again

Zweieinhalb Tage intensiven Inputs zum Thema Editorial Design – das hatte ich mir trockener vorgestellt, papierener, quasi.
Im Gegenteil: vom »Grundgesetz als Magazin« über das »Good Trouble Magazine« bis hin zur »Kraft der Daten« – jedes Thema war ein multimedialer Kosmos für sich und eine große Quelle der Inspiration. Hier sei von zwei meiner Favourites kurz berichtet:

Stop doing your work is dying.

Bei der Farbe Orange muss ich nun unwillkürlich an Trump denken. Das war nicht immer so. Ob das wieder weggeht oder so bleibt, und wie lange noch, wir wissen es nicht. Schuld an der Misere ist Edel Rodriguez, der beste Illustrator der Welt.

Was ich nicht wusste: Rodriguez ist als Kind als kubanischer Flüchtling in die USA gekommen. Die Eltern waren während der Diktatur unliebsam. Der Vater hatte die gesamte Rückseite des Hauses mit deutscher Werbung tapeziert – stellvertretend für alles, was man im Sozialismus nicht kaufen konnte. Sie wurden deshalb per Schiff, zusammen mit Prostituierten, Kriminellen und Journalisten, ausgewiesen. Da die Journalisten taten, was Journalisten tun, ist die Deportation bestens dokumentiert und es gibt viele Bilder von dem kleinen Edel auf dem Schiff. Als Kind auf Kuba hat er Plakate und Graffitis mit sozialistischer Propaganda aufgesogen, die wohl einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. In den USA kam die Popkultur hinzu. Die Kombination ist die Marke Trump, wie wir sie von Covern des Time Magazines, des Spiegels u.a. kennen.

Rodriguez ist ein durchgeknallter Rebell, und er macht einfach, was er machen muss. Ob das gefährlich für ihn werden könnte, wenn er zurückfliegt, ist ihm egal: »Stop doing your work is dying.«
Manche seiner Trump-Illustrationen wurden massenhaft ausgedruckt, nachgemalt und auf Demonstrationen verwendet, noch bevor sie auf dem Cover des Time Magazine landen konnten. Rodriguez hatte sie am Tag zuvor auf Twitter gepostet.
Rodriguez hängt nach wie vor seine Poster in den Straßen auf, um die Menschen aufzuwecken. Manchmal werden sie direkt von Fans abgehängt und mit nach Hause genommen. Einmal bekam er Probleme mit der Polizei, denn die Wand war Privateigentum. Als der Polizist dann trotzdem ein Poster haben wollte – aber ein sauberes und unterzeichnet bitte – wusste er: »Dies ist keine Diktatur.«
Als er Trump nackt zeichnet, bekommt er Kritik von seiner Mutter. Daraufhin entfreundete er sie auf Facebook: »Wenn sie meine Arbeit nicht zu schätzen weiß, kriegt sie sie auch nicht zu sehen.« Danach zieht er Trump aber trotzdem einen Bikini an und verleiht ihm den Titel »Miss Russia«.

Suspira – Das Magazin

Wow, was für ein Name. Und wie passend. Valentina Egoavil Medina’s Magazin »Suspira« zeigt Horror aus einer weiblichen Perspektive. Weil Horror immer noch ein »Boys Business« ist, und Emanzipation auch mit einer befreiten und selbstbestimmten Sexualität zu tun hat. Weibliche Sexualität ist in Suspira nicht nur Objekt des männlichen Blicks, sie agiert selbstbestimmt. Medina durfte ich übrigens als bodenständige und humorvolle Frau kennenlernen, die definitiv ihren eigenen Stil hat. Und ja, auch jemand mit dem Namen Egoavil kann vor dem Auftritt aufgeregt sein. Danke für die Inspiration! (Und: gut, dass die EDCH kein Boys Business war.)

  • Real life is more scary than horror movies
  • Horror is scary because it has a true core
  • The strongest fear is the fear of the unknown
    (Zitate Valentina Egoavil Medina)

Design von und im (Kurz-)film: MCBW DESIGNKINO


Die Filme im DESIGNKINO waren sicher alle sehenswert – ein Event, der erstmals dieses Jahr im Rahmen des MCBW FORUMS in der HFF München mit einem vielfältigen Programm aufwartete. Meine Wahl jedoch machte mich aber richtig happy.

Denn, ich habe mich verliebt: in den Kurzfilm »Glanz Plus« von Yannik Carstensen. Einfach nur: wow! So fresh. Eine frische Brise. Ein verdammt guter Kaffee. Nein: Zehn verdammt gute Kaffees. So viele hatte ich an dem Tag nämlich schon getrunken. Eigentlich war ich ziemlich platt, kaum noch aufnahmefähig und voller Eindrücke von der EDCH Conference. Ich ging mit einer Erwartung ins DESIGNKINO, dass es jetzt eigentlich nichts mehr gibt, was das alles heute schon Erlebte toppen könnte.
Von wegen! Dieser Kurzfilm war so fresh. Und, ich gebe es zu, den restlichen Abend habe ich damit verbracht, ihn online zu suchen. Denn so eine zehn-verdammt-gute-Kaffees-Experience kann man öfter brauchen! Leider, leider, leider gab es nur kurze Ausschnitte auf Facebook.
Es ist schwierig, diesen »Dokumentar-Kurzfilm« in Worte zu fassen. Auch weil »Dokumentarfilm« irgendwie so gar nicht passt.
Ein Portrait des Creative Directors der deutschen Ausgabe von »Harpers Bazaar«, Emrah Seçkin, das Ganze in Schwarzweiß, wenige Worte, absolut extravagant, schwarz-weißer Glitter und große Gesten, und: atemberaubende Musik. Am Anfang irritierend (Wer ist dieser Typ? Warum stellt er sich wie ein Halbgott dar?), dann faszinierend. Und diese Musik, produziert von Berliner DJ Eros Miguel, gibt es HOFFENTLICH bald online. Damit ich nicht mehr so viel Kaffee brauche ;)


Das war meine MCBW – ein kreatives, inspirierendes Programm, das aus allen Nähten platzte und das locker auch mehrere Wochen hätte füllen können.
Dank an alle Veranstalter: es hat großen Spaß gemacht!


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Protokoll: Judith Schmidt
Fotos: ©bayern design & LÉROT, Susanne Goertz und Michi Bundscherer


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