100 Jahre Zukunftslabor Bauhaus


Nichts weniger als die Grundsteinlegung »einer Republik der Geister« hatte der Architekt Walter Gropius im Sinn, als er 1919 in Weimar das Bauhaus gründete.
Herausgekommen ist bei diesem Unterfangen die wohl folgenreichste Designschule der Geschichte. »Ein Synonym für Moderne« nannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bauhaus unlängst in einer Rede in der Berliner Akademie der Künste zum 100. Bauhaus-Jubiläum, und der eigens für diese Feierlichkeit ins Leben gerufene Bauhaus-Verbund aus der Kulturstiftung des Bundes und den Bauhaus-Einrichtungen in Berlin, Dessau und Weimar hat sich als Motto für die immerhin über 700 geplanten Veranstaltungen den durchaus ambitionierten Titel »Die Welt neu denken« ersonnen. Das Bauhaus ist 2019 also in aller Munde. Und das ist auch gut so.

Völlig neu haben Gropius und seine Mitstreiter die Welt freilich nicht gedacht. Sie waren vielmehr mit dem gleichermaßen kritischen wie visionären Vermögen begabt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Schlüsse aus den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit zu ziehen. Auch wenn viele Bauhaus-Entwürfe und -Produkte heute noch mit Fug und Recht als zeitlos bestaunt werden, ist es im Kern doch genau dieses Vermögen, aus dem heraus das Bauhaus seine gestalterischen Potenziale überhaupt erst entwickeln und entfalten konnte. Das Bauhaus war ein Zukunftslabor, geboren aus einer unablässigen, kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Von diesem Ansatzpunkt hat die Betrachtung auszugehen, die danach fragt, wie es denn um die Aktualität des Bauhauses noch bestellt ist und ob es nicht doch in Jahre gekommen ist, ja womöglich sogar ein bisschen Staub angesetzt hat. So nimmt die zehnteilige Diskussionsreihe »Bauhaus 4.0 – Zukunft wird aus Design gemacht« dies auch zum Ausgangspunkt einer Hinterfragung, inwieweit das Bauhaus heute, im Zeichen der digitalen Transformation noch Richtschnur oder Orientierungshilfe sein kann, wenn es darum geht, Zukunft Gestalt und Form zu geben. Am 12. März wird die Diskussionsreihe unter der Leitung des Präsidenten des Deutschen Designtags Boris Kochan und des Theoretikers Ulrich Müller bei der MCBW gastieren und sich mit der Gestaltung von Schnittstellen zwischen Produkten, Medien und Menschen im Produkt- und Industrie-Design befassen.

Das Bauhaus dabei als Zukunftslabor zu begreifen erscheint umso legitimer, als es keineswegs von Anbeginn an eine konsistente inhaltliche Ausrichtung hatte, sondern als »Bau in Entstehung«, mithin als Work in Progress sich immer wieder neu definierte. Stand bei seiner Gründung noch der Gedanke des »Handwerks« im Vordergrund, änderte es wenige Jahre später seine Ausrichtung grundlegend. Aus dem Motto von 1919 »Kunst und Handwerk, eine neue Einheit« wurde »Kunst und Technik, eine neue Einheit«. Die kritische, gestalterische Auseinandersetzung mit der Industrialisierung hatte im Bauhaus Einzug gehalten und sich gegenüber den expressionistischen oder »romantischen« Strömungen, wie etwa Theo van Doesburg sie nannte, behauptet.

Design, so zeigt sich schon am Beispiel des Bauhauses, ist also beständigem Wandel unterworfen, auch wenn es den Begriff »Design« damals noch gar nicht gab. Wer dabei an die Wechselhaftigkeit und nicht selten Kurzlebigkeit von Moden im Sinne geschmäcklerischer Oberflächengestaltung denkt, greift indes zu kurz. Immer wieder waren es gerade auch Designvordenker, die in kritischen gesellschaftlichen Entwicklungsphasen entscheidende Impulse für das Design gesetzt haben. Etwa ein Victor Papanek, der 1971 mit seinem Buch »design for the real world. Anleitung für eine humane Ökologie und sozialen Wandel« zum Vater des Social Design wurde, oder der Architekt und Designtheoretiker Friedrich von Borries, dessen designkritisches Buch »Weltentwerfen« 2016 für eine breite Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortung des Designs ausgelöst hat.

Victor Papanek – design for the real world  und Friedrich von Borries – Weltentwerfen

Der Blick von der Warte einer sich rasant verändernden Wirklichkeit aus in eine halbwegs ungewisse Zukunft ist heute bestimmt von Ängsten vor einem ökologischen Desaster, von sozialen Unsicherheiten und nicht zuletzt von technischen Innovationen, die zunehmend in unser aller Leben eingreifen und die Parameter der Lebenszusammenhänge von einst an vielen Stellen als revisionsbedürftig erscheinen lassen. Die digitale Transformation, soviel ist klar, geht auch am Design nicht spurlos vorüber. Spätestens wenn man verzweifelt auf ein Miniaturdisplay eines Haushaltsgerätes starrt und versucht, sich aus den mehr oder weniger ansprechend darum herum gruppierten Multifunktionsknöpfen einen Reim zu machen, kann man erahnen, dass Designer*innen im Zeichen der Digitalisierung heute eigentlich vor sehr viel tiefgreifenderen Herausforderungen stehen, als nur Oberflächen zu gestalten. Die Durchdringung komplexer technischer Zusammenhänge ist ebenso gefragt wie ökologische Kompetenz und gesellschaftlicher Weitblick, denn den Designer*innen von morgen kommen zunehmend auch beratende Funktionen zu, bis hin zur Frage nach Sinn oder Unsinn eines neuen Produkts. Und nicht zuletzt gilt es auch, sich auf die Herausforderung einzustellen, in absehbarer Zeit gestalterisch an einer Lebenswelt mitzuwirken, in der sich die sozialen Akteure zunehmend weniger über ihre Arbeit definieren, wenn KI und Robotik der Arbeitswelt erst einmal ein neues Gepräge gegeben haben.

Was für das Bauhaus die Industrialisierung war, ist für uns die Digitalisierung, die mit ähnlich tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen einhergeht. Dass dabei nicht nur Segnungen herauskommen, sondern auch Verwerfungen, ist ebenso Common Sense wie die Erkenntnis, dass die Digitalisierung längst schon erheblich Fahrt aufgenommen hat und das Zeitfenster, bis sie in umfassender Weise gesellschaftliche Wirksamkeit entfaltet, kein allzu großes ist. Ob das Bauhaus für die gestalterischen Herausforderungen, die damit verbunden sind, noch Kompass oder Richtschnur sein kann, wird am 12. März Thema sein.

Dabei hilft es, sich das Bauhaus nicht nur als Produktionsstätte von herausragend gestalteten Haushalts- oder Wohnobjekten zu vergegenwärtigen, sondern vor allem auch als Gedankengebäude, Ideenschmiede, Labor und Schule für Gestaltung.
Letzteres war Gegenstand der ersten Diskussionsrunde am 19. Februar.

Gestaltung wurde am Bauhaus in einem umfassenden Sinn verstanden. Im Unterricht wurde daher beharrlich die gesellschaftliche Relevanz des gestalterischen Handwerks hinterfragt. Die Parallelen zur Gegenwart sind gerade auch an dieser Stelle unübersehbar. So lag es für die Veranstalter dieser Diskussionsreihe nahe, danach zu fragen, was denn Lehre und Forschung an den Hochschulen für Gestaltung heute tun, um angehende Designer*innen darauf vorzubereiten, dass Gestaltung aktuell auch bedeutet, den Wandel mitzugestalten und darüber auch Begriff und Praxis der Gestaltung zu wandeln.

Von den Hörsälen, also vom zentralen Thema Lehre in der ersten Diskussionsrunde, geht es am 12. März in die Labore und Ateliers von Produkt- und Industrie-Designer*innen. Jetzt dreht es sich um die „Gestaltung von Schnittstellen – zwischen Produkten, Medien und Menschen“. Dass im Bauhaus gerade im Bereich Produkt- und Industrie-Design Pionierleistungen vollbracht wurden, denen es wesentlich seine Nachwirkung verdankt, bedarf keiner Erklärung. Mehr hingegen schon die Frage, ob denn heutige Gestaltungsansätze noch vom Bauhaus profitieren können. Gerade wenn es um die Interaktion von Nutzern und Produkten geht und um die Rolle, die den Designer*innen dabei zukommt: als Ideengeber, Entwerfer, Berater und Vermittler in einer sich rasant verändernden Welt.

Mit dem Produktdesigner, Vorsitzenden des Vorstands der IF Foundation und Gründer von Auerberg, Christoph Böninger, dem Mitbegründer des Universal Design Forum e.V., Thomas Bade, der Designtheoretikerin und Produktdesignerin Prof. Melanie Kurz, dem Vorsitzenden des Verbands Deutscher Industriedesigner, Stefan Eckstein, und zwei Special Guests wird eine hochkarätige Runde vor dem Hintergrund der Wirkmächtigkeit des Bauhauses vertiefende Einblicke in zeitgenössische Positionen des Produkt- und Industrial Design im Kontext der digitalen Transformation gewähren.

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MCBW EVENTS ZUM THEMA

  • PODIUMSDISKUSSION:

    BAUHAUS 4.0: Zukunft wird aus Design gemacht!
    Bauhaus 4.0 meets Product & Industrial Design: Podiumsdiskussion anlässlich des Bauhaus-Jubiläums zu den neuen Möglichkeiten, Schnittstellen zu gestalten – zwischen Produkten, Medien und Menschen.
    Di. 12.03.2019
    18:30 - 20:30
    bei 2H GmbH & Co KG in Garching bei München



Autor

Ulrich Müller

ist Autor, Theoretiker und Musiker. Er schreibt Radio-Features, in denen er das Verhältnis von Musik zur Bildenden Kunst, Architektur, Literatur und Philosophie thematisiert. Außerdem zeichnet er für strategische Konzepte im Designbereich verantwortlich.

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