Gesund(heit) gestalten

Biophilic Design von der neuen Haunerschen Klinik bis zu Münchens Essbarer Stadt

Überall drohen Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge – so auch in München. Die Stadt hält bislang wenig davon, da deren Einhaltung schwierig zu kontrollieren ist. Auch der Freistaat sperrt sich an entscheidenden Stellen. Es werden neue Wege gesucht, Gesundheit zu fördern, sowohl beim großen Thema Verkehr wie auch in den kleinen Details. Stadt- und Raumplanung, Architektur und Design können sich auf unterschiedliche Weise auf die Gesundheit der Menschen, die sie umgeben, auswirken. Die Neuplanung eines Kinderspitals in München zeigt beispielhaft, dass Gesundheit fernab politischer Diskurse um Risikofaktoren und Wohnraum auch eine gestalterische Fragestellung ist.


Biophilic Design als Beispiel einer gesundheitsfördernden Gestaltung

Wer schon einmal in München durch den neugestalteten Taxispark flaniert ist oder im Amphionpark ein paar Körbe geworfen hat, verspürte vielleicht schon den regenerativen Effekt, den der direkte Kontakt zur natürlichen Umgebung erzeugen kann. Schon in den 80er-Jahren formulierte Edward O. Wilson in seinem Werk zur Ethik des Naturschutzes die sogenannte »Biophilia Hypothese«, nach der Menschen eine grundsätzliche Affinität zu lebenden Organismen und natürlichen Strukturen haben.

Eine Gestaltung, die entsprechende natürliche Muster aufgreift, nennt sich »biophil«. Sie ist im Alltag häufig anzutreffen. Wer beispielsweise an einem sonnigen Nachmittag durch den Münchner Hofgarten spaziert und sich im Schatten des Dianatempels eine Pause gönnt, erfährt gleich mehrere biophile Gestaltungsmuster. So erzeugt das Plateau unter der Kuppel einen Zufluchtsort mit weitreichendem Ausblick. Gemäß der »Prospect and Refuge Theory« des Geografen Jay Appleton, wonach der Mensch sich in Landschaften mit Ausblicks- und zugleich Rückzugsmöglichkeiten am sichersten fühlt, wirkt dieses ästhetisch anregende und gleichzeitig schützende Arrangement stressreduzierend. Gleichzeitig tritt der Besucher hier sehend, hörend und riechend in Kontakt mit einer vielseitigen Natur, was sich ebenfalls positiv auf den Organismus auswirkt.

Solche Prinzipien lassen sich in vielen Fällen auch auf die Gestaltung öffentlicher Plätze und die Stadtplanung allgemein übertragen. Die Einbindung natürlicher Systeme wie Grünstreifen, Parks und Brunnen haben dementsprechend einen nachhaltig positiven Effekt auf die Menschen, die sich in diesem Raum aufhalten. Urbane Strukturen wie der Münchner Stachusbrunnen verändern nicht nur das Stadtbild, sondern erlauben auch, Wasser zu sehen, zu hören und sogar zu spüren, was den Erholungseffekt einer Mittagspause auf einer der Steinsitzgelegenheiten vor dem Brunnen verstärken kann.


Münchner Fallbeispiel einer gesundheitsfördernden Architektur

Inwiefern Gestaltung im Fall der Architektur gesundheitsfördernde Potenziale nutzt, lässt sich oft erst in der tatsächlichen Umsetzung und Nutzung des Gestalteten feststellen. Nicht umsonst wird im Städtebau eine nutzungsorientierte Erfolgsprüfung, eine sogenannte Post-Occupancy Evaluations (POEs), in der Regel erst ein Jahr nach Fertigstellung einer Immobilie durchgeführt, um Wirkung und Nutzungsmuster eines Gebäudes zu erfassen. Gleichzeitig lassen sich aber konzeptionelle Ansätze und architektonische Zielsetzungen im Entwurf betrachten. Schauen wir uns beispielsweise den geplanten Neubau des Haunerschen Kinderspitals in München an: Hier findet sich eine Vielzahl methodischer Ansätze, die sich der gesundheitsfördernden Gestaltung zuordnen lassen.

In dem von Nickl & Partner Architekten AG gestaltete Entwurf ist der rechteckige Grundriss des Gebäudes organisch durch mehrere Innenhöfe geöffnet und nutzt als zentrales Thema darin grüne Inseln, die durch die großzügigen Fensterflächen aus dem Gebäudeinnern gut sichtbar sind, durch direkte Interaktion aber auch erlebbar: sehend, hörend und tastend. Diese Öffnung eines in anderen Fällen oft technisch steril behandelten Klinikthemas in Richtung Natur und Sinneswahrnehmung greift unmittelbar die weiter oben beschriebenen biophilen Gestaltungsmuster auf. So erläutert auch Prof. Hans Nickl: »Von Anfang an wollten wir uns von überkommenen Mustern im Krankenhausbau loslösen und etwas Neues wagen.« Dieses Umdenken zeigt sich auch in einem Verständnis der dramaturgischen Erschließung der Klinik.

Bereits beim Betreten des Gebäudes sollte man diesen Ansatz spüren. Patienten, Besucher und Personal werden von einem grünen Innenhof empfangen, den sie durchlaufen, um zum Haupteingang zu gelangen. Sie können sich Zeit nehmen, sich zunächst auf das Gebäude und die neue Umgebung einlassen.

Die Bespielung der gläsernen Fassade etwa durch visuell unregelmäßig anmutende Holzpaneele greift das Gestaltungsmuster nicht-rhythmischer Strukturen auf und weckt so ästhetisches Interesse, während Innen und Außen stärker in Verbindung treten. »Der recht niedrige Baukörper wird durch die rund und weich in die Form geschnittenen grünen Höfe in kleine Teile aufgebrochen. Sie sind leicht wiederzukennen, ermöglichen gute Orientierung und Identifikation mit der jeweiligen »Inselwelt« und sorgen natürlich für eine mit Tageslicht durchflutete Umgebung, die sich stets auf die umgebende Parklandschaft bezieht.« Dieser intensive Bezug nach außen erscheint als »Verbindung mit natürlichen Systemen«, die William Browning und Catherine Ryan von Terrapin Bright Green, einem Green Building und Real Estate Beratungs- und Designbüro, als eines von 14 biophilen Gestaltungsmustern identifiziert haben. Er erlaubt es, zeitliche und klimatische Veränderungen bewusster wahrzunehmen, und sorgt somit für Orientierung bei Patienten und Personal.

Nickl & Partner Architekten AG
Nickl & Partner Architekten AG


Insgesamt folgten die Architekten damit dem Ansatz einer gesundheitsfördernden Architektur, die die Gesundheitsversorgung aktiv und auf verschiedenen Kanälen unterstützt. Dabei ist man sich bewusst, dass gestalterische Maßnahmen die therapeutische Dienstleistung nicht nur technisch-funktional und ästhetisch verpacken. Vielmehr sind Gestaltung und Therapie wechselseitig ineinander verwoben und beeinflussen sich direkt:

Zum einen streben wir eine verbesserte Arzt-Patienten-Kommunikation an. Zum anderen soll die Gebäudegestaltung dazu beitragen, Schwellenängste der Patienten abzubauen. Beide Ziele sind eine Voraussetzung für gute Gesundheitsversorgung. Beide haben etwas mit Überwinden von Grenzen zu tun, einerseits die Grenze zwischen Arzt und Patient, andererseits die Grenze zwischen Innen und Außen. Wobei Innen und Außen hier gleichzusetzen ist mit »krank sein« und »gesund sein«.

Dies setzt sich auch im Innern der Klinik fort. So wurde beispielsweise im Patientenzimmer dieses pädiatrischen Zentrums nicht nur auf eine visuell leicht erfassbare Struktur Wert gelegt, sondern durch die Einbindung von natürlichen Materialien wie Holzböden und Wandpaneele eine wohnliche Gesamtanmutung erreicht. »Innerhalb der klar definierten Grenzen des Gebäudes, die sich an der Struktur des umgebenden Campus Großhadern orientiert, sollten Kinder, Jugendliche, Eltern, Wöchnerinnen und das Personal eine von grünen Inseln durchdrungene Genesungs- und Arbeitswelt vorfinden.«

Am Konzept des Neubaus des Haunerschen Kinderspitals in München zeigt sich in erster Linie der Handlungsspielraum von Gestaltung – und hier besonders der Architektur – im medizinischen Kontext. Ein solches Umdenken therapeutischer Räume – wobei es im internationalen Vergleich durchaus vergleichbare, wenn nicht gar radikalere Formen gibt – rückt die GestalterInnen in eine neue Rolle. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Feld erfordert neben der gestalterischen Expertise spezifisches Fachwissen. So betont auch Nickl als entscheidendes Merkmal des Krankenhausbaus die Notwendigkeit »fundierter Fachkenntnisse über Prozesse in den einzelnen Abteilungen und Stationen … – von Behandlung / Untersuchung über Intensivmedizin und Pflege bis hin zur Logistik.« Damit wird Gestaltung in all ihren disziplinären Unterformungen zur komplementären Disziplin, die medizinische Prozesse verstehen soll, mitdenkt und über den Entwurf unterstützt.

Die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung sowie der transdisziplinäre Erkenntnisgewinn ist dabei stets als fortlaufender, sich schrittweise annähernder Prozess zu betrachten. Und so kann man auch im Neuen Hauner weiterdenken und beispielsweise der Frage nachgehen, inwiefern in den »grünen Inseln« echte »Healing Gardens« zu finden sind, wie Clare Cooper Marcus und Marni Barnes sie in ihrem gleichnamigen Design-Leitfaden für Landschaftsarchitekten im Bereich medizinischer Einrichtungen beschreiben. Vielleicht erweist sich erst in der unmittelbaren Aneignung dieses Raumes durch die NutzerInnen, ob die Gärten verborgene Wege zu Entdeckungen und Überraschungen bieten, ob sie florale Abwechslung zeigen und auch im kalten Winter noch über ästhetische Stimuli verfügen. Oder ob die gewählte Vegetation eine Fauna anzieht, die akustisch und visuell bereichernd wirkt, und an sich bereits neben ihrer visuellen Wirkung auch den Geruchsinn stimuliert. Ein Healing Garden bietet dann auch Rückzugsmöglichkeiten für private Gespräche und schafft einen situativen Rahmen für die Begegnung mit Fremden. Er bietet Raum für persönliche Momente und individuelle Auseinandersetzung mit der momentanen Lebenssituation. Und manchmal birgt dieser Garten auch die Möglichkeit der aktiven Gestaltung.


Konzepte zur Steigerung von Sozialität und gesellschaftlicher Teilhabe

Die Einbindung natürlicher Systeme kann zudem auch sozialen und transkulturellen Austausch fördern und so zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe beitragen. Dies zeigen auch Beispiele zu Urban Gardening wie Urbane Gärten München oder die Essbare Stadt bei denen BürgerInnen aktiv und partizipativ eingebunden werden. Dabei erzeugen solche Urban-Gardening-Projekte einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen.

Wer etwa im Rahmen solcher Initiativen am Stadtbild seines Quartiers mitwirkt, spürt oft einen intensiveren Bezug zu seiner Umgebung. Dabei sind es häufig Gruppenarbeiten, bei denen man mit dem Unbekannten aus der Parallelstraße oder der netten Dame von nebenan die Setzlinge für das Frühjahr pflanzt, dabei Neues lernt und miteinander plaudert. Initiativen wie die »Essbare Stadt« können sinnstiftend wirken. Sie fördern das Kohärenzgefühl, das Kernelement der sogenannten Salutogenese, eines wissenschaftlichen Konzepts der Entstehung von Gesundheit, das der Soziologe und Stressforscher Aaron Antonovsky in den 70er-Jahren entwickelt hat. Wer sein Kohärenzgefühl stärkt, erlebt die Welt als zusammenhängend und sinnvoll. Dieses Gefühl von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit ist nach Antonovsky ein elementarer Faktor, um die Gesundheit zu fördern. Auch im Biophilic Design ist es wiederzufinden: Wenn nämlich eine gesunde Entwicklung des urbanen Organismus zur Gesundung von Menschen beiträgt.


Münchner Hofgarten

Der Münchner Hofgarten entstand ab 1613 außerhalb der damaligen Grabenbefestigung gleichzeitig mit den Neu- und Erweiterungsbauten der Residenz unter Herzog Maximilian I.
Zentrum des ehemals mit Rundtempeln, Maulbeergängen, Brunnen, Spalieren, Buchsornamenten und Obstbäumen reich ausgestatteten Renaissancegartens ist der 1615 von Heinrich Schön d.Ä. errichtete Pavillon, der durch seine acht Eingangsbögen die Aufteilung der Gartenfläche durch Kreuz- und Diagonalwege bestimmt.

Hofgartenstraße 1
80539 München

München Hofgarten
ganzjährig geöffnet

 

 

Autor

Jonas Rehn

Autor

ist promovierter Designforscher und Industriedesigner. In seiner Forschungsarbeit befasst er sich mit der gesundheitsfördernden Wirkung der Gestaltung und insbesondere mit ihrem Einfluss auf das Gesundheitsverhalten.

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