Lebenswelten der Zukunft

Ästhetik trifft Ethik.

Durch die Zukunft ins Heute, von Beziehungen und Bezügen zu technischen und handwerklichen Innovationen. Wer vom 13. bis 17. März den Eingang West auf dem Messegelände München zur diesjährigen Internationalen Handwerksmesse wählt, findet einen neuen Zugang – im doppelten Sinn: Unterwegs zu den traditionellen Gewerken, die zum Beispiel für Bauen, Modernisieren und Sanieren stehen, lassen sich nicht nur herausragendes Design und fortschrittliches Handwerk besichtigen – das gibt es drinnen natürlich auch. Die hier platzierte Sonderausstellung »Lebenswelten der Zukunft« wirkt vielmehr wie ein Prolog, in dem innovative Labels nach Wegen suchen, die Zukunft nachhaltiger und unseren Alltag einfacher zu machen.

Die gemeinsam von der Internationalen Handwerksmesse und bayern design zur Münchner Designwoche MUNICH CREATIVE BUSINESS WEEK (MCBW) konzipierte Sonderfläche reflektiert die Brennpunktthemen »Stadt der Zukunft«, »Arbeit von morgen« und »nachhaltiges Produzieren«. »Lebenswelten«, das sind – banal – zunächst einmal Welten, in denen Menschen leben, und hier geht es vor allem um den urbanen Raum. Doch der Begriff reicht tiefer: Denn der lebensweltliche Erfahrungshorizont mit seinen biografischen, kulturellen und gesellschaftlichen Inhalten ist letztlich die Basis unseres alltäglichen Handelns und Kommunizierens. Eine Ausstellung, die nach zukünftigen Lebenswelten fragt, thematisiert also nicht nur, wie sich die Technik entwickeln mag, wohin Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitstrends führen, sondern auch, was diese Neuerungen im Menschen auslösen. Und im Kontext der MCBW ganz speziell, inwiefern Design technische Innovationen alltagstauglich transformieren kann, wobei es schlaglichtartig auch immer wieder um eines geht: um Verantwortung.

Beim ersten Fokusthema »Stadtentwicklung« präsentieren Hersteller insofern nicht nur Elemente wie smarte Straßenbeleuchtung oder ein Konzept für e-Mobilität auf zwei Rädern, sondern lassen den Besucher in eine virtuelle Stadt eintauchen, durch die sich autonome Fahrzeuge bewegen. Das VR-Experiment macht es sogar möglich, in das futuristische Vehikel einzusteigen. Dahinter steckt TUMCREATE, eine Forschungsplattform, die den öffentlichen Verkehr in Singapur unter anderem mit elektrischer und autonomer Mobilität optimieren soll. Das so entstandene Virtual Design Lab haben die Industriedesigner initiiert, um potenzielle Nutzer in den Schaffensprozess miteinzubeziehen. Denn ihre Bedürfnisse sollen im Mittelpunkt der Designentwicklung stehen.

»Sitzen ist das neue Rauchen.«

Das gilt genauso für die Arbeitswelt von morgen. Luca Cianfanelli von der Smartfurniture GmbH ist davon überzeugt, dass der äußerlich bewusst schlicht gehaltene Schreibtisch, den er gemeinsam mit Henriette Deking entwickelt hat, mit extrem smarten inneren Werten jedes Office revolutionieren kann – und zwar sanft. »Eliot« wirkt trotz seiner Robustheit leicht, ist supereinfach zu handeln, ruckelfrei in der Höhe zu verstellen – ein bisschen Wellness für Körper und Seele. Das interdisziplinäre Team, das Möbeldesign-, Elektronik- und Software-Know-how vereint, will die Interaktion zwischen Mensch und Möbel grundlegend verändern. »Wir wollten den Trend zum Smart Home, den Architektur und Gebäudemanagement längst aufgreifen, endlich auch in einem intelligenten Möbel umsetzen.« Der Industriedesigner legt die Fakten auf den Tisch:

Sitzen ist das neue Rauchen, wenn man die schädliche Auswirkung auf den Körper betrachtet. Stehen dagegen fördert Konzentration und Gesundheit.

Die Konklusion: ein Stehsitztisch.

Cianfanelli ist Designer. Kein Wunder also, dass er für die Aufgabe brennt, mit seinem Partner ein attraktives Möbelstück zu entwerfen. Kein typisch steriles Büromöbel, sondern einen leichten und angenehmen Schreibtisch, der sich auch im Homeoffice wohlfühlt, eine gute Performance bietet und dank bunter Cover Individualisierungsmöglichkeiten für den Hausgebrauch bietet. Die Überraschung war, dass sich genau diese Gestaltungsvielfalt schließlich als perfektes Feature für den Businessbereich entpuppte: Eine Einrichtung mit eigener CI konnten sich bisher nur große Unternehmen leisten. Mit einem Cover in der Hausfarbe branden nun auch kleine Firmen ihr Mobiliar ganz unkompliziert.

 

Kann ein Tisch eine Beziehung haben?

Schön und gut. Aber um »nur schön« geht es ja gerade nicht! Mindestens genauso wichtig ist »gut«. Aber am wichtigsten ist »und«. Im Gespräch mit Luca Cianfanelli wird ganz schnell klar, dass es um das Thema Beziehung geht. Entscheidend ist die Relation zwischen dem Tisch und seinem Benutzer. Wobei es gar nicht neu ist, dass ein Mensch eine Beziehung zu einem Tisch entwickelt. Vielleicht ein Erbstück, das er besonders liebt. Oder ein Gebrauchsgegenstand, mit dem ihn bestimmte Erinnerungen verbinden. Aber jetzt umgekehrt: Dieser Tisch entwickelt eine Beziehung zu einem Menschen? Der Stehsitztisch erlaubt es seinem User, bewusster und aktiver zu arbeiten. Mehr noch, er erkennt und versteht seinen Benutzer. »Ich komme an einen Tisch im Großraumbüro, egal ob es mein eigener ist oder ein anderer, und sobald ich mein Handy drauflege, lädt es sich durch Induktion auf. Ich bin jetzt mit dem Tisch verbunden, und er übernimmt meine Präferenzen aus meinen persönlichen Einstellungen. Er kann sogar mein Steh-Sitz-Verhalten beeinflussen: Gebe ich zum Beispiel ein, dass ich 50 Prozent der Arbeitszeit stehen möchte, dann erinnert mich der Tisch daran und hilft mir bei der Zielerreichung.«


Tatsächlich haben wir vergessen, den Designer und Co-Founder von Smartfurniture zu fragen, ob er sich an seinem Arbeitsplatz wie im Urlaub fühlt. Aber er erzählt, dass der neue Schreibtisch die Lücke füllen wird, die im lifestyligen 24-Stunden-Wellbeing-Konzept klafft: »Intelligente Matratzen, Fitnesstracker, Ernährungsapps – alles Features, um bewusster zu essen, zu leben, zu genießen, und dabei geht es immer nur um Freizeit. Die acht Stunden Arbeitszeit werden völlig außer Acht gelassen.« Die persönliche Smartphone-App, die mit dem Arbeitsplatz verbunden ist, ändert das. Und liegt zugleich im Trend der sich wandelnden Arbeitswelt, in der die Mitarbeiter nicht mehr an einem fest zugewiesenen Arbeitsplatz kleben. Sobald »Eliot« im Firmennetzwerk eingeloggt und mit anderen Tischen vernetzt ist, lässt er sich an ein Deskbookingsystem anschließen. In Zukunft gäbe es dann auch die Möglichkeit, so Cianfanelli, die effektive Nutzungsdauer des Schreibtischs abzurufen, damit der Arbeitgeber kontrollieren könne, ob sich seine Investition gelohnt habe – ökonomisch, aber auch hinsichtlich der Verantwortung für die Gesundheit des Mitarbeiters. 

Ein ganzes Land als Abfalleimer

Der entscheidet natürlich in erster Linie selbst, in welcher Haltung er arbeiten möchte – zumal es dabei auch nur um sein persönliches Wohl geht. Anders sieht es beim dritten Schwerpunktthema, der Nachhaltigkeit, aus: Hier geht es um alle und alles. Und wer ist eigentlich schuld, wenn Produkte ohne Rücksicht auf Ressourcen, Umwelt und Menschenrechte hergestellt werden – der Verbraucher oder der Unternehmer? Gerade die Modebranche muss sich hier schmerzhafte Stiche gefallen lassen, denn dem Begriff »Mode« ist die Wechselhaftigkeit immanent, und was nicht beständig ist, wird – Müll. Stoffmüllberge sind es auch, die den Ausgangspunkt der Karriere von Natascha von Hirschhausen als Modedesignerin markieren. »Als ich die Modefabrikation in Bangladesch vor Ort gesehen habe, war ich geschockt: Da wird ein ganzes Land von der westlichen Welt als Abfalleimer benutzt!« Wenn sie sich zuvor gefragt hatte, ob es noch den produzierenden Designer brauche, war die Antwort jetzt klar: Jemand musste quasi den ideellen Schnittmusterbogen dafür abgeben, dass es auch anders geht. Und so entwickelte sie ihr eigenes Schnittsystem, um (nahezu) abfallfrei zu produzieren.

Die junge Designerin schildert plastisch die erstaunlich vielfältigen Cluster der Zero-Waste-Produktion von Strick über Rechteckdrapierungen an der Puppe bis zur raffinierten Kurventechnik für komplexere Schnitte. Aber die natürlichste Form der Ressourcenschonung und Abfallvermeidung ist natürlich, gezielt zu produzieren – nämlich auf Bestellung. »Es ist doch auch viel schöner für die Kundin, wenn sie weiß, dass dieses Stück ganz bewusst für sie genäht wurde!« Natascha von Hirschhausen hält das sozusagen für den Schlüssel zu einer radikalen Umkehrbewegung vom blinden Konsumrausch seit den 90er-Jahren hin zu einem reflektierten und dosierten Verbrauch. Fastfashion, die ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt produziert wird, ist für sie nicht die Antwort auf das Bedürfnis nach erschwinglicher Bekleidung, sondern sowohl Resultat als auch Ursache einer inneren Entfremdung des Verbrauchers vom Produkt. »Die Menschen setzen sich nicht mehr auseinander mit den Dingen, die sie konsumieren, sie distanzieren sich von den Produkten, weil diese keine Bedeutung mehr haben. Kleidung ist alltäglich geworden, sie ist einfach da.« Folglich wird massenhaft eingekauft, billig natürlich, und auch wieder entsorgt, auf Kosten der Umwelt.

Die Seele aus dem Avocadokern

Wenn sie dagegen in den schönsten Farben von natürlichen Färbetechniken erzählt und von diesem ganz speziellen Altrosa schwärmt, das sich dem Avocadokern entlocken lässt, entstehen genau die Geschichten, die eine Hose, eine Bluse, ein Kleid zum Leben erwecken. »Da braucht es natürlich auch den Designer, der mitdenkt, wie seine Stücke verarbeitet werden – das macht schließlich die Seele des Kleidungsstücks aus. Und ich beobachte, dass die Menschen das zunehmend interessiert. Die Kunden, aber auch die Produzenten. Ich bin hier in Berlin mit den Modedesignern gut vernetzt und sehe viele Firmen, die in die Zukunft investieren wollen.« Die Schere zwischen den Märkten wird aber ihrer Meinung nach immer weiter auseinanderklaffen: auf der einen Seite die ethische, nachhaltige Produktion, auf der anderen Seite der anwachsende Fastfashion-Markt. Dass die Verantwortung dafür auf die Verbraucher abgewälzt wird, ärgert sie, weil dieser die Wertschöpfungskette gar nicht überblicken kann.

Ihre ökologisch-soziale Philosophie brachte Natascha von Hirschhausen vor zwei Jahren den Bundespreis Ecodesign in der Kategorie »Produkt« ein. Doch passt das in der gesellschaftlichen Wahrnehmung überhaupt zusammen – Mode und Ethik? Haftet nicht gerade den Beauty- und Fashionbegeisterten das Label der Oberflächlichkeit an? Die Designerin hält das für ein eher deutsches Problem, schließlich sei Mode ein Kulturgut und werde in vielen anderen Nationen auch so wahrgenommen.

Wir alle kommunizieren über Mode, sie behandelt Gesellschaft genauso wie Literatur und Malerei. Und was den Einzelnen betrifft, da kann Kleidung so viel bewirken – man kann die Persönlichkeit stärken, indem man über Mode kommuniziert.

Gibt es ein besseres Beispiel dafür, wie Design Lebenswelten prägen kann?

Autorin

Sigrun Borstelmann

Sigrun Borstelmann begeistert sich für alles rund um Publikationen. So arbeitet sie als freie Texterin und Lektorin, kümmert sich als Projektmanagerin aber auch um die komplette Abwicklung von Printmedienproduktionen.

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