Spaziergänge mit Kakadu.
Zum Schlüsselbild der MCBW 2019

Freilich gehört es zu den vornehmsten Aufgaben eines Schlüsselbildes, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Aber ein Papagei? Ein Piratenfreund? Ein exotischer, schräger Vogel in einer Tasse? Statt Kaffee?

 

Design connects: Gegensätze schließen Freundschaft.

Im Schlüsselbild, dem Key Visual der MCBW 2019, gehen Gegensätze wie selbstverständlich überraschende Verbindungen ein. Mit der Kakadu-Tasse begegnen sich Natur und Kultur, ein seriell hergestellter Gebrauchsgegenstand trifft auf ein freies, individuelles Lebewesen. Im Bild berühren sich Wiederholbarkeit und Einzigartigkeit, formale Strenge und wilde Schönheit, Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit, Nähe und Ferne. Hier passen Gegensätze (zumindest formal) verblüffend gut zusammen.

Gerade im Kommunikationsdesign spielt die Überbrückung oder die Vermittlung zwischen Gegensätzen genauso wie der überraschende Regelbruch eine zentrale Rolle. Dabei ist das Schlüsselbild selbst typischer Ausdruck einer oft eingesetzten Kreativitätstechnik, der sogenannten »Kombination«. Es werden Dinge (im weitesten Sinne) miteinander kombiniert, die vorher nicht mit einander verbunden waren. Als Beispiel seien die »lila Kuh« von Milka oder »Rail & Fly« genannt.

Dem Kakadu selbst sind bereits viele überraschende, insbesondere soziale und kommunikative Eigenschaften eingeschrieben – Grund genug, sich mit dem exotischen Krummschnabel ein wenig näher zu beschäftigen. Und dabei nicht nur den Vogel selbst, sondern erstaunlich viele Münchner Kakadu-Bezüge zu entdecken.

Sozial, erfindungsreich und neugierig.

Wer mag, sieht’s an der stolzen Federhaube: Der Papagei ist ein Kakadu. Eigentlich ist er auf dem Doppelkontinent Australien und Ozeanien zu Hause. Dort fühlen sich Kakadus in sehr verschiedenen tropischen wie subtropischen Landschaften wohl – vom Regenwald bis zur Feucht- oder Trockensavanne, von der Dornstrauchsteppe bis zum offenen Grasland mit schütterem Baumbestand. Von der Erschließung solch spröder Landschaften durch europäische Siedler haben Kakadus in besonderer Weise profitiert: Dank der aufgestellten Viehtränken (Tassen?) konnten sie nun auch in Regionen überleben, die bis dahin zu wenig Wasser boten.

Kreativität, Design und Kommunikation, damit könnte man einige Eigenschaften der Kakadus treffend beschreiben. Denn sie sind ausgesprochen sozial und finden sich – etwa zur Nahrungssuche oder an Wasserstellen – in Schwärmen zusammen. Einige Arten haben Wächtersysteme entwickelt: Mindestens ein Kakadu beobachtet die Umgebung, damit die anderen in Ruhe fressen oder trinken können. Es gibt auch Arten, die ihren Schwarm per Ruf kontaktieren, bei möglichen Bedrohungen warnen oder etwa auf Nahrungsquellen hinweisen. Palmkakadus sind ausgesprochen erfindungsreich und nutzen selbstbearbeitete Werkzeuge, etwa beschnittene Zweige. Diese schlagen sie auf Rinden, um Artgenossen vor drohender Gefahr zu warnen. Goffinkakadus wurden sogar dabei beobachtet, wie sie den Gebrauch von Werkzeugen an Artgenossen weitergegeben haben. Insbesondere Rosakakadus gelten als ausgesprochen verspielt und neugierig. Sie turnen an Antennen, Leitungen und Windrädern herum, fliegen spaßeshalber in Staubtornados oder rutschen rücklings Spielplatzrutschen hinunter.

Begegnungen mit Kakadus in München.

Zugegeben: Was ihre Präsenz im Münchner Leben anbelangt, liegen Kakadus weit hinter Krähen oder Tauben zurück. Dafür kann man ihnen an außergewöhnlichen Orten begegnen. Empfehlenswert ist das sogenannte Kakadu-Dreieck in München-Nymphenburg. Es besteht aus der Porzellan Manufaktur Nymphenburg, dem Botanischen Garten und der Pagodenburg im Nymphenburger Schlosspark.

 

Inspirierend: Porzellan Manufaktur Nymphenburg.

Seit 260 Jahren entsteht im Nymphenburger Schlossrondell feinstes Porzellan – Service, Figuren und Objekte – von allerhöchster Qualität und Reinheit. Es wird bis heute ausschließlich in Handarbeit und mit annähernd unveränderten Methoden gefertigt. Um Weiterentwicklung voranzutreiben, hat die Porzellan Manufaktur Nymphenburg von Anfang an die Zusammenarbeit mit Fachleuten, Künstlern und Designern gesucht. So entwarf Joseph Wackerle, eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, zur Weltausstellung in Brüssel 1910 eine Serie prachtvoller Majolika-Vögel. Bis heute prägen sie die Schmuckhofanlage im Botanischen Garten. Im frühen Jahr, wenn Magnolien und Forsythien blühen, lohnt sich ein Besuch des »Kakadu mit Blumenkorb« ganz besonders.

Wer es nicht bis zum Botanischen Garten schafft, dem sei ein Ausflug zum Nymphenburg Flagship Store am Odeonsplatz empfohlen. Renommierte Designer und Architekten gestalten die Schaufenster entlang der Frage »Wie wollen wir leben?« Den Anfang machten die Architekten Mikala Holme Samsøe und Amandus Sattler. In ihrer Schaufensteredition #1 erzählen sie phantastische Geschichten – vom Träumen und Fabulieren, von Kühle und Erholung, von Wertschätzung und Liebe. Sowohl im Flagship Store wie im Manufactory Store im nördlichen Schlossrondell werden Sie zur MCBW-Zeit den Kakadu schnell entdecken.

Montag bis Freitag 10 bis 17 Uhr


Montag bis Freitag 10 bis 18.30 Uhr
Samstag 10 bis 18 Uhr

ist täglich ab 9 Uhr geöffnet, die Schließzeiten variieren nach Jahreszeit,
Eintritt 4,50 € (5,50 € ab 2019)


Zurück in Nymphenburg lädt ein Schlosspark-Spaziergang zur Pagodenburg ein: Im Entree dominieren die bayerischen Farben Weiß-Blau auf holländischen Kacheln mit exotischen, fernöstlichen Motiven – schwindelerregend multikulti! Zum Kakadu geht’s eine schmale Wendeltreppe hinauf. Die kleinen Kabinette im Obergeschoß sind mit edlen Absperrseilen vor derbem Besucherschritt geschützt. Wer sich also auf Kakadu-Suche machen will, sollte im Nacken- und Schulterkreisen geübt sein: Er befindet sich nämlich in einem Deckengemälde.
Wer’s nicht ganz so genau nimmt, auf den freut sich die nahe Kakadu-Verwandtschaft in der Badenburg. Den prächtigen Festsaal einmal durchschreitend, steht man im kurfürstlichen Appartement – umgeben von sehenswerten chinesischen Tapeten, zartrosa mit feinen, grünen floralen Motiven, Zweigen, Blumen, Schmetterlingen, Vögeln – die schönen Krummschnäbel haben Sie schnell entdeckt! Dann noch ein Blick ins erste beheizbare Hallenbad der Neuzeit: holländische Fliesen, verspielte Stuckaturen, Deckengemälde ... In der Badewanne von Kurfürst Max Emanuel hätte heute eine Zweizimmerwohnung Platz (8,70 mal 6,10 Meter). Für Gäste gab’s (und gibt’s) eine Balustrade, von der aus man dem oder den Badenden bequem zuwinken konnte.

  • Alle Parkburgen
    von 9 bis 18 Uhr für Besucher geöffnet, Eintritt 4,50 €


Endlich wieder Staunen: Museum Fünf Kontinente.

Von den Zitaten ferner Kulturen im Nymphenburger Schlosspark bringt Sie die Straßenbahn direkt zu den Originalen (Linie 16, Maxmonument). Im Museum Fünf Kontinente nimmt uns Frau Dr. Hilke Thode-Arora, Leiterin der Abteilung Ozeanien und Referentin für Provenienzforschung, mit ins Hochland von West-Neuguinea. »Hier leben die Eipo«, erzählt sie. »Etwa tausend Menschen wohnen verstreut in kleinen Weilern auf den Bergkämmen mit weitem Blick über das Tal – um mögliche Gefahren schnell entdecken zu können. Seit den 70er-Jahren führten fächerübergreifende Forschungsprojekte mehrere Wissenschaftler aus Deutschland wiederholt zu den Eipo.« Die im Museum bewahrten Objekte sind ein Geschenk des noch heute an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrenden Ethnolinguisten Prof. Dr. Volker Heeschen, der seit mehreren Jahrzehnten zu Sprache und Kultur der Eipo forscht.
Dr. Thode-Arora zieht raschelnd das Seidenpapier von einem schmalen Exponat: »Ein Rückenschmuck, den Männer bei Tanzfesten trugen, hier sehen Sie: Halme aus Chinagras wurden mit Pflanzenfasern umwickelt und mit pflanzlicher Klebemasse und roter Erdfarbe bestrichen, das ergibt diese schöne, glatte Oberfläche. Und hier, eingehängt in die Halme, sind die Kakadu-Federn. Sie schwingen beeindruckend beim Tanzen und verstärken visuell den Rhythmus. Diese Feste wurden übrigens auch genutzt, um Auseinandersetzungen zu klären: In einem bilderreichen Zwiegesang legten die Kontrahenten singend ihren Standpunkt dar und näherten sich so einer möglichen Lösung des Konflikts.« Vorsichtig zieht Frau Dr. Thode-Arora das Seidenpapier über den empfindlichen Rückenschmuck. Auch wenn Ihnen – aus konservatorischen Gründen – der Rückenschmuck der Eipo nicht im Museum Fünf Kontinente begegnen wird, sei Menschen, die endlich wieder einmal staunen und den eigenen Blick um die Sichtweise anderer Kulturen ergänzen wollen, ein Besuch freundlich empfohlen.

ist dienstags mit sonntags von 9.30 bis 17.30 Uhr geöffnet,
Eintritt in die ständigen Ausstellungen 5,00 €


Achtsam: Die Großvoliere im Tierpark Hellabrunn.

Wer noch einem lebenden Kakadu in Kombination mit einer herausragenden architektonischen Lösung begegnen will, der begebe sich in den Tierpark Hellabrunn: Federleicht, beweglich und vogelfluggerecht schwingt sich das Netzdach der Großvoliere bis zu 22 Meter hoch in den Thalkirchner Himmel. Auch hier haben Gestalter gewirkt: Man sieht der Voliere sofort das umfassende Nachdenken über artgerechte Vogelhaltung und über die Verbindung von Architektur und Landschaft an. Das Stauden- und Baumbepflanzungskonzept regelt die Trennung von tierischen Bewohnern und menschlichen Besuchern fast ausschließlich mit botanischen Mitteln.1976 erhielt der Münchner Architekt Jörg Gribl, der schon als Kind viel Zeit im Tierpark verbracht hat, den Auftrag zum Bau der Voliere. Inspiriert vom damals neuen und aufregenden Dach des Olympiastadions entstand die Idee, die Voliere mit einem Netz zu bauen. Der Stuttgarter Ausnahmearchitekt und Ingenieur Frei Otto, einer der Väter des Olympiadachs, übernahm die Beratung. Um das Gleichgewicht der Kräfte in netzartigen Strukturen zu berechnen, kam das völlig neue Programm »Dynamic Relaxation« zum Einsatz. 1980 wurde die Voliere in Betrieb genommen. Ein Jahr später erhielt das luftige Bauwerk den Bayerischen BDA-Architekturpreis. Die kleine Schwester des Olympiadachs ist übrigens nahezu wartungsfrei und bisheute »State of the Art«.
(Im Bild oben sind die Kakadus leider gerade ausgeflogen, ihren Platz übernehmen leuchtend rote Sichler.)

ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet,
Tageskarte für Erwachsene 15,00 €

Experten-Interview

Leidenschaft mit ruhiger Hand

Fünf Fragen an Katharina Neumann, Porzellanmalerin in der Manufaktur Nymphenburg.

 
2008 begann Katharina Neumann ihre Ausbildung als Manufakturporzellanmalerin in Nymphenburg. Heute, mit 28 Jahren, ist sie stellvertretende Leiterin der Malerei. Wir durften Katharina Neumann ein paar Fragen stellen:


Wenn sich in Zeiten von Digitalisierung, Robotik und Beschleunigung ein junger Mensch für den Beruf des Porzellanmalers entscheidet, wirkt das beinahe radikal. Welche Leidenschaft hat Sie getrieben?



Die Leidenschaft zum Malen. Ich merkte in der Schule schnell, welche Stärken und Interessen ich hatte und wollte anschließend unbedingt einen Handwerksberuf erlernen. Mir war es wichtig, etwas mit meinen eigenen Händen zu erschaffen und da bin ich auf Nymphenburg gestoßen.




Gibt es etwas, das Sie bis heute an Ihrem Beruf fasziniert?



Die Farben. Es ist ein langer Weg zu lernen, richtig mit ihnen umzugehen. Hat man aber einmal den Dreh raus, hat man unendlich viele Möglichkeiten - vom kleinsten Detail bis hin zu großen, glatten Flächen. Einige Farben verändern sich beim Brennen und es ist immer wieder spannend, ob alles wie gewünscht aus dem Ofen kommt.




Wie schaffen Sie es, über lange Zeit die notwendige Konzentration und ruhige Hand bei Ihrer Arbeit zu behalten?



Das liegt einem Maler wahrscheinlich einfach im Blut. Oft ist es einer Meditation ähnlich, man malt und malt und merkt gar nicht, wie weit man schon gekommen ist. Auch das Hören schöner Musik oder spannender Hörbücher nebenbei ist hilfreich.



Wo finden Sie Ihre Inspirationen?



Eigentlich überall. Wenn man genau hinsieht, ist die Welt voll von Inspirationen. 
Ich male auch gerne mit Hilfe von alten Bilderbüchern oder wie es in der Porzellanmalerei üblich ist mit traditionellen Malmustern aus dem Archiv. 



Auf welche Arbeit sind Sie besonders stolz? Gibt es Lieblingsstücke?



Besonders stolz bin ich auf die limitierten Totenkopfeditionen, bei deren Entstehung ich teilweise beteiligt war. Obwohl sie nicht jedermanns Geschmack treffen, find ich die Mischung aus Totenkopf und bunter, lebhafter Malerei einfach toll.


Autorin

Gabriele Werner

ist Mitglied der Geschäftsführung bei Kochan & Partner. Sie entwickelt Marken, berät Unternehmen und ersinnt holistische Konzepte. »Design ist eine Haltung«, sagt sie. Neben ihrer Leidenschaft für Kreativ-Techniken findet sie Inspiration vor allem in der Natur.

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