Leichte Sprache –
schwer verständlich

Design ist bekanntlich Kunst, die sich nützlich macht – und das für möglichst viele Menschen, so die wichtige Ergänzung des Universal Designs. Dieser Anspruch umfasst nicht nur Produkte und Objekte, sondern auch das Kommunikationsdesign. Das demonstriert eine Veranstaltungsreihe während der MCBW zur »Integrativen Typografie und Leichten Sprache«.

Die Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel, sie hat die menschliche Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht. Doch sie kann auch ein unüberwindliches Hindernis für die Verständigung sein. Für solche Fälle verpflichtet der Gesetzgeber zur Benutzung der sogenannten »Leichten Sprache«. Allerdings wird dabei meist ein entscheidender Faktor übersehen. Das zeigt jetzt ein spannendes Projekt der Grafikdesignerin Sabina Sieghart.

800.000 Menschen in der Schweiz, 960.000 in Österreich und 7,5 Millionen
in Deutschland haben Schwierigkeiten beim Lesen. Für sie wurde »Leichte Sprache« entwickelt.

Von Amts wegen

Da schwere Verständlichkeit, so scheint es, ein besonderes Kennzeichen von amtlichen Schreiben, Formularen, Gesetzestexten, Vertragsunterlagen und ähnlich bedeutsamen Schriftstücken ist, hat sich der Gesetzgeber dieses Problems angenommen. Die Bundesregierung wirkt darauf hin, dass »… Träger öffentlicher Gewalt die Leichte Sprache stärker einsetzen und ihre Kompetenzen für das Verfassen von Texten in »Leichter Sprache« auf- und ausgebaut werden«, so das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Gemeinsam mit verschiedenen Initiativen und Interessenverbänden Betroffener ist daraus ein Regelwerk entstanden. Ein höchst löblicher Ansatz, der auch Benachteiligten der Kommunikation die Teilhabe – und das bessere Verständnis – ermöglichen soll. So weit zumindest die erfreuliche Theorie.

Die Ausschreibung der Galerie des Bezirks Oberbayern von 2014 ist ein typisches Beispiel für die aktuelle Gestaltungspraxis. Der Text ist ohne Gliederung, Raster oder Berücksichtigung von Weißflächen über die Fläche verteilt und wird begleitet von kleinen Illustrationen. Das Corporate Design des Absenders wird nicht verwendet.

Überarbeitete Ausschreibung der Galerie des Bezirks Oberbayern von 2017 in »Leichter Sprache«, übersichtlicher Gestaltung und mit klarer visueller Zuordnung des Absenders.

Gut gemeint. Gut gemacht?

Doch bekanntlich ist gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht. Denn in der Praxis stoßen die Regeln schnell an ihre Grenzen. Offenbar lässt sich nicht jeder Sachverhalt entsprechend den Regeln darstellen. Vor allem ist es problematisch, wenn die sehr heterogene Gruppe der Betroffenen in ihrer Gesamtheit gleichsam als grenzdebil eingeschätzt wird. »Kindersprache« soll zwar vermieden werden, doch de facto ist »Leichte Sprache« noch simpler gestrickt. Wer möchte schon so ausdrücklich als unfähig angesprochen werden?

Vielfach liegt das Haupthindernis zum leichteren Verständnis in einem Bereich, der bisher meist vernachlässigt wird: der Textgestaltung! Zwar gibt es auch dafür Leichte-Sprache-Regeln, doch diese genügen nicht oder führen gar in die Irre. Das musste Grafikdesignerin Sabina Sieghart erleben, als es um die Gestaltung eines inklusiven Magazins ging.

Doppelseite des Magazins »Kultur inklusive!« (2015). Aus makrotypographischer Sicht ist entscheidend, dass die Textebenen klar unterscheidbar sind. Auf dieser Doppelseite hat man trotz großer Textmengen das Gefühl, drei bewältigbare Blöcke zu sehen: das Inhaltsverzeichnis links, die Textebene in »Leichter Sprache« sowie die zwei Textblöcke in schwerer Sprache.

Sabina Sieghart ist eine ebenso erfahrene wie geschätzte Spezialistin für erfolgreiche visuelle Kommunikation. Sie lehrt Typografie an der Hochschule und erarbeitet mit ihrem Münchner Atelier Corporate-Identity- und Corporate-Design-Lösungen für Unternehmen, Verlage und Institutionen. Mit visueller Kommunikation kennt sie sich aus. Doch die Begegnung mit »Leichter Sprache« für das Magazin Kultur inklusive des Bezirks Oberbayern war für sie ein Schock: »Der Leichte-Sprache-Text kam mit Vorgaben, die den Regeln von leichter Lesbarkeit und guter Gestaltung offensichtlich widersprachen.«
Gemeinsam konnte eine Lösung geschaffen werden, die der Zielsetzung und vor allem der Leserschaft der Publikation gerecht wurde, doch sollte das Thema die Designerin nicht mehr loslassen. Sie begann, sich aktiv mit der Problematik auseinanderzusetzen, denn:

Die visuellen Regeln der Leichten Sprache widersprechen dem typografischen Grundwissen, die visuellen Implikationen werden bislang kaum erforscht.

Vorarbeiten von Albert-Jan Pool zur DIN 1450 Leserlichkeit. Entscheidend ist der Duktus der Schrift. Renaissance-Antiquas sind besser lesbar (ob serif oder grotesk) als klassizistische Schriften.

Die Macht der Schrift

Die Lesbarkeit eines Textes lässt sich entscheidend durch seine typografische Gestalt beeinflussen. »Schrift kann brüllen« (Hans-Peter Willberg). Schriftwahl, Stil, Größe, Stärke und Abstand der Zeichen, dazu die Länge der Zeilen und ihr Abstand zueinander, der Weißraum und die Platzierung auf der Fläche – Seite, Bildschirm, Handydisplay – spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Aufnahme des vermittelten Inhalts. Zudem ruft der gewählte Schriftstil, aber nicht nur der, Assoziationen beim Leser hervor. In der gesprochenen Sprache begleiten Betonung, Lautstärke, Klang, Rhythmus und Modulation den gesagten Inhalt – ja, können ihn bisweilen sogar konterkarieren (unvergesslich: die »Don Karlos«-Lesung in der Verfilmung der »Feuerzangenbowle«). Dazu kommt das wichtige Mittel der Redundanz: Wir wiederholen, meist unbewusst, Teile des Gesagten im Gespräch, wohlwissend dass beim Hörer nur ein Teil ankommt. In Kurt Tucholskys »Ein Ehepaar erzählt einen Witz« wird das aufs Schönste vorgespielt. Alle diese Faktoren fehlen im geschriebenen Text, sie müssen durch eine entsprechende Gestaltung, eben durch Typografie, geschaffen werden. Die Schriftprofis bemühen sich außerdem seit jeher um eine leichte Lesbarkeit, denn »Typografie ist, Sprache in der ihr angemessenen Form lesbar und verstehbar, also: einsichtig zu machen.« (Kurt Weidemann)

Die Schrift Thesis mix ist gut lesbar, da die Öffnungen der Buchstaben-Innenräume (1) von a, e und s groß gestaltet sind und die Buchstabenformen sich klar unterscheiden (das »a« hat einen komplett anderen Aufbau als das »o«). Die Serifen (2) helfen zusätzlich, die Buchstaben voneinander zu differenzieren, und verstärken die Bandwirkung einer Zeile. Neben dem Kontrast von Schrift zu Hintergrund, Mittellänge der Schrift, Strichstärke, Schriftweite und Laufweite ist der optimale Zeilenabstand (3) entscheidend für die Lesbarkeit des Textes.

Leseverständnis

In den letzten Jahren hat die Forschung in diesem Bereich stark zugenommen, nicht zuletzt durch den verstärkten Gebrauch digitaler Medien. Gerade zum Leseerwerb gibt es viele neue Erkenntnisse, verschiedene Projekte untersuchen auch die Möglichkeiten, mithilfe der Typografie die Lektürehindernisse für Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit geringen Deutschkenntnissen, mit Demenz oder für funktionale Analphabeten abzubauen. Dazu kommen aktuelle Ergebnisse aus den Kognitionswissenschaften und der Wahrnehmungspsychologie zum komplexen Vorgang des Lesens. Diese Erkenntnisse werden bei der Gestaltung mit »Leichter Sprache« noch nicht berücksichtigt.

Das Regelwerk der »Leichten Sprache« soll eigentlich auch Laien eine zielgerechte Gestaltung ermöglichen, doch mit Sabina Sieghart muss man sich fragen: »Wieso wird eine – aus typografischer Sicht – dysfunktionale Gestaltung für die Zielgruppe von Menschen mit Lernschwierigkeiten vorgeschlagen? Das visuelle Erscheinungsbild und die sprachliche Gestaltung der Texte vermitteln keine Freude am Lesen und erschweren das Verständnis teilweise sogar.« Dies kann Sabina Sieghart leider mit Beispielen belegen, die selbst Gutwillige abschrecken. Die sich aber, auch das zeigt sie, durchaus verbessern lassen.

Mit ihrem internationalen Forschungsprojekt versucht die Designerin nun Abhilfe zu schaffen. Denn das Thema gewinnt an Brisanz. Die Zielgruppe wächst und beschäftigt zunehmend auch Unternehmen, die ein Interesse daran haben, dass ihre Botschaften ankommen. So gewinnt das Thema außerdem eine ökonomische Dimension. Denn gelungene Kommunikation bedeutet wertvolle Kostenersparnis. Außerdem, so Sabina Sieghart:

... benötigt – und verdient – die Zielgruppe eine Gestaltung, die zum Lesen einlädt, und Medien, die gerne gelesen werden.

 

 

Teilhabe für alle – der Hintergrund

  • Grundsätzlich ist das Recht auf Zugänglichkeit schon in der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 fixiert, die 2008 von Deutschland ratifiziert wurde. Sie bildet das Leitbild der Inklusion und fordert die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Dort heißt es in Artikel 9 zur Zugänglichkeit: » … Die Vertragsstaaten treffen außerdem geeignete Maßnahmen, […] um den Zugang von Menschen mit Behinderungen zu den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und -systemen, einschließlich des Internets, zu fördern.« Die Richtlinien WCAG 2.0 (Web Content Accessibility Guidelines) von 2008 regeln die Anforderungen für Barrierefreiheit, die ab Oktober 2016 in der Europäischen Union umgesetzt werden müssen.

Universal Design

  • Universal Design in Verbindung mit tgm und Deutscher Designtag – 
    
Vortrag von Sabina Sieghart: »Integrative Typografie und Leichte Sprache«
    sowie begleitende Posterausstellung im Rahmen der Reihe »Diversity«
    am 13. März 2019 von 16:30 bis 19:00 Uhr im Oskar von Miller Forum.

 

 

Autor

Herbert Lechner

entwickelt und betreut seit mehr als 30 Jahren analoge und digitale Medienkonzepte für Unternehmen, Institutionen und Verlage. Vorträge und Artikel zu Editorial Design, Typografie und Design, unter anderem regelmäßig in "novum. World of Graphic Design".

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