Stephan Doesinger im Interview.

»Styliamo soll Amazon für maßgeschneiderte Produkte werden«

Was wäre, wenn es bald möglich wäre, individuell gestaltete Produkte in der Stückzahl eins herzustellen? In Deutschland produzierte Teppiche, Mäntel, Sofas – alles Unikate. Und das nicht unbezahlbar, sondern nur unwesentlich teurer. »Unmöglich«, sagt der Vertrieb. »Nicht zu machen«, antwortet das Marketing. Aber genau das ist schon Realität. Der von der MCBW START UP mit dem Preis »Bestes Konzept« ausgezeichnete Industriedesigner Stephan Doesinger entwickelte in München die Plattform Styliamo. Und denkt damit alte Strukturen neu – heißt radikal digital.

Es ist Dienstagmorgen. Im lichtdurchfluteten Loft im nördlichen Schwabing sitzt Stephan Doesinger am großen Esstisch und kümmert sich am Laptop um die Buchhaltung. Eine Kanne dampfender Kräutertee steht vor ihm. »Kaffee verbinde ich mit Müßiggang und der Wiener Kaffeehaustradition. Stundenlang Zeitunglesen und einen Verlängerten nach dem anderen trinken.« Das passt nicht ganz zu dem, an was der Österreicher aktuell arbeitet. Deshalb frisch aufgebrühter Tee. Im geöffneten Tab seines Rechners leuchtet eine Präsentation für die Telekom. Auch diesem Unternehmen will er die Möglichkeiten seiner Plattform und Full-Service-Lösung Styliamo erklären, die den Dreiklang aus Produktion, Vertrieb und Marketing revolutionieren soll.

Neue Strukturen für eine neue Zeit

»Pakistanische Spezialisten programmieren dir heute auf Fiverr.com eine ganze Website für 100 Dollar. Oder entwerfen dir ein 80-seitiges Hochglanzmagazin für umgerechnet genauso viel Geld«, sagt Stephan Doesinger mit ernstem Blick. Mit der Digitalisierung geht zwar eine oft gelobte Demokratisierung einher, die jedoch manche altbewährten Prozesse torpediert. Das Ergebnis: ein starker Preisverfall auch bei kreativen Dienstleistungen.

Und genau deshalb braucht es eine neue Denke. Eine Neuordnung des Bestehenden. Seit 2014 entwickelt der 50-Jährige zusammen mit Kollegen aus Deutschland, England und Österreich einen am Markt einzigartigen Online-3-D-Editor, mit dem die User Produkte wie Accessoires, Möbel, Heimtextilien, Fahrzeuge oder ganzen Räume mit Grafiken bei sich am Rechner individuell gestalten können. Der Styliamo-Editor erstellt »auf einen Click« hochauflösende Druckdaten für sogenannte »All-Over-Prints«, selbst für mehrteilige Objekte mit komplexer Geometrie.

Individualisiertes Design kann vom Laien oder von einem Designer dank des intuitiven Editors auf der Styliamo-Website in Realzeit entworfen werden. DesignerInnen können außerdem angeben, wie oft ihr Design reproduziert werden darf und wie viel sie pro Verkauf daran verdienen wollen. In Fachbetrieben in Mitteleuropa wird dann dieses Design auf ein beliebiges Produkt gedruckt. Egal ob es sich dabei um Holz, Stoff oder Autofolien handelt, jede Form ist auslesbar und auf keine Stückzahlen minimiert. »In manchen Fällen organisieren wir die komplette Produktionskette auch im B2B-Segment und beliefern Hersteller mit bedruckten Holzplatten, Halbfertigprodukten oder bedruckten Textilzuschnitten«, so Stephan Doesinger.

Alle reden von Industrie 4.0, aber was es bedeutet, begreifen die wenigsten

Der E-Commerce-Bereich boomt immer noch. Zweistellige Wachstumsraten sind an der Tagesordnung, und einige Händler wissen nach wie vor nicht, wie sie reagieren sollen. Der Österreicher will mit Styliamo digitale Möglichkeiten bieten, auf Kundennachfragen individuell und ohne Mehrkosten zu reagieren. Hohe Lagerkosten werden vermieden, etwas worunter nicht nur Möbelhersteller leiden, wie Doesinger weiß. Außerdem könnten die Risiken für große Margen vermieden werden, auf denen Einkäufer im schlimmsten Fall sitzen bleiben.

Styliamo verändert die Struktur, wie Produkte entworfen, produziert und vertrieben werden

Als studierter Industriedesigner kennt sich Doesinger sowohl mit dem Design als auch mit der Produktion aus. Er weiß, welche Labels wo ihre Taschen und Stoffe produzieren lassen. Wo es gute Qualität gibt. In seiner Wohnung finden sich schon jetzt zahlreiche hochwertige Styliamo-Möbelstücke, aber auch zahlreiche Prototypen und Stoffreste. Der Esstisch steht auf einem von ihm selbst entworfenen Teppich, unten an der Garderobe steht ein kleines, buntes Bestelltischchen, daneben Schirme vom Münchner Designer und Mucbook Art Director Christian Hundertmark. Oben auf der Terrasse liegt ein großer Sitzsack, gestaltet von dem Berliner Designer Lumicon. »Certified limited Edition. Artwork by Stephan Doesinger. Made for you my dear« steht da zum Beispiel charmant auf dem Waschzettel. Es ist eben etwas ganz Besonderes. »Eigens für den neuen Besitzer oder die Besitzerin gefertigt«, schwärmt Doesinger.

Styliamo und der disruptive Vertrieb


Für den Querdenker eröffnet die »On-Demand-Produktion« von Styliamo einen »disruptiven« Vertrieb, da beispielsweise Hotels, aber auch Blogger und Medienpartner damit ihre eigenen Merchandise-Kollektionen effizient realisieren können. Styliamo wäre dabei wie eine »verlängerte Werkbank«. Ein erster Erfolg in der nicht digitalen Welt war das Pop-up-Geschäft im Ruffinihaus im Jahr 2017. Organisiert vom Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft stand das Haus am Rindermarkt für eine Dauer von drei Monaten der kreativen Szene Münchens zur Verfügung. Während in den oberen Räumen KünstlerInnen, Start-ups und Magazine einen Raum fanden, bespielte Stephan Doesinger mit seinen individualisierten Produkten ein Ladengeschäft im Erdgeschoss. »Da kamen KundInnen mit neugierig gereckten Köpfen schon über den ganzen Platz gelaufen, weil ihnen unsere designten Schirme ins Auge stachen«, erinnert sich Doesinger.

Damit es genauso erfolgreich weitergehen kann, muss jetzt noch die Website auf den neuesten Stand gebracht werden. Übersichtlicher soll sie werden; die Struktur steht schon. Doesinger weiß genau, was zu tun ist, und das nicht erst, seitdem Styliamo beim Google Launchpad auf Herz und Nieren getestet wurde. Auf diesem Weg hat ihm auch das auf der MCBW START UP erhaltene Feedback sehr geholfen. Er nimmt einen letzten Schluck Tee, steckt sich eine Zigarette an und ruft die Telekom-Präsentation wieder auf. »Es gibt noch jede Menge zu tun!« Man darf gespannt sein.

Tools for Founders

MCBW START UP

Auch 2019 wird MCBW START UP jede Menge »Tools for Founders« anbieten.
Informationen zu Workshops und Coachings hier.

Autorin

Ronja Lotz

schreibt als Managing Editor beim Münchner Stadtmagazin MUCBOOK und für anderen Medien. Sie ist der Meinung, Kreativität sei keine Eigenschaft, sondern eine Haltung. Deshalb gilt: immer neu, aber stets verständlich.

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