Zukunft der Mode

Zukunft der Mode

#SustainByDesign

Ein Essay von Lisa Lang

Die Zippertaktik
Wider die Haken und Ösen der Fashion-Innovation

 

„What Eve will wear in the year 2000“ wollte das amerikanische Modemagazine VOGUE 1938 von den Fashiondesignern wissen. Das Nachdenken über die Zukunft der Mode ging damals ausschließlich von der Frage aus: „Was wollen wir und was brauchen wir?“, ganz unabhängig von der technischen Realisierbarkeit. Die Ideen: adaptive Kleidung, die sich dem Körper und dem Klima anpasst. Leuchtende Elektronik für eine neue Ästhetik. Ein tragbares Telefon und ein dekoratives Radio am Gürtel.

Fast Forward zum Ende 2019: All diese Themen sind noch viel wichtiger geworden. Wieder einmal sind wir mitten in einem Umschwung: Wir leben länger, reisen schneller und werden immer produktiver. Um dieses Tempo glücklich und gesund zu überstehen, müssen wir unsere Umgebung effizienter gestalten: bessere und anpassungsfähigere Computer, Handys, Wohnungen, Flugzeuge – und Kleidung. Der Gedanke, Technologien in Kleidung zu integrieren ist nicht neu, wir vergessen nur allzu oft, dass da Technik drinnen steckt.

Nehmen wir zum Beispiel den Reißverschluss – 1851 erfanden ihn Ingenieure, ursprünglich für Taschen und Schuhe. Er sah nicht toll aus, klemmte oft und war einfach immer ein bisschen nervig. Dann kamen Designer auf Inspirationsreise daher und erkannten rasch die Chance, die der Zipper für Kleidung bietet: schneller an- und ausziehen! Was für eine Revolution! Zurück zum Ausgangspunkt: Sie wurden entwickelt in einer Zeit des Umbruchs, als das Auto die Mobilität revolutionierte. Und das Leben schneller, effizienter, länger machte – sounds familiar? Richtig, mit dem Reißverschluss löste Fashiondesign Probleme durch tragbare Technologie: ritsch – ratsch, schnell und auch noch schön.

Perfektes Bild eigentlich, der Reißverschluss. Wenn Design und Technologie genauso ineinandergreifen würden, könnten wir viele Herausforderungen lösen. Schließlich war Fashion schon immer innovativ, zukunftsgewandt, „on the edge“ (pardon: the punt). Der erste Computer war eine Strickmaschine, die Nähmaschine ein halber Roboter und Stretchmaterial kam aus der Raumfahrt. Also was ist passiert? Genau hier liegt das Problem: NICHTS. Die Fashion-Industrie rührte sich in dieser Hinsicht nicht in den letzten 30 Jahren, fokussierte den globalen Markt. Skalierung und Globalisierung. Innovation wurde wie ein ungezogenes Kind in die Ecke gestellt. Das rächt sich nun.

Der Markt, also wir, die Konsumenten, benötigen eine neue Art der Kleidung. Warum sonst ist Sportbekleidung gerade in Mode? Weil sie nichts anderes ist als getragene Funktion. Bequeme Schuhe, mit denen ich schneller laufen kann: Sneaker. Hosen, mit denen ich trainieren kann, ins Büro gehe und danach zur Party: Yogahosen. Nun kommt die Produktinnovation also aus einer anderen Ecke, nämlich von der Sportindustrie. Dabei sollte sie eigentlich vom originären Bereich ausgehen: von der Mode.

Dieser Vorgang ist nicht neu. Man muss sich nur anschauen, was in den letzten 20 Jahren in anderen Industrien passiert ist: Wirtschaftsbereiche wie Film, Musik, Gastgewerbe und Transport wurden in kürzester Zeit knallhart umgekrempelt. Was haben Spotify, Airbnb und UBER gemein? Sie sind von Leuten gegründet worden, die nicht traditionell aus der Industrie kamen, aber frustriert waren vom Status Q. Die schnappten sich die neuen Technologien und erfanden neue Lösungen auf neuen Kanälen.

Genau das passiert gerade mit der Fashionindustrie. Wenn das Original zu lange zögert mit einer Veränderung, macht es jemand anders. Und nein – Nachhaltigkeit ist KEINE Innovation! Da muss man nicht lange herumforschen – Nachhaltigkeit im Sinne von Langlebigkeit muss grundsätzlich zum Standard gehören. Ich arbeite sehr gerne mit europäischen Herstellern – die sind da sehr pragmatisch. Frage ich nach Nachhaltigkeit, zucken viele nur mit den Schulten und sagen: Machen wir schon von Anfang an (was meistens heißt, seit Generationen!), es macht geschäftlich total Sinn und uns Freude, Qualität zu produzieren.

Was hier wirkliche Innovation ist, sind neue Materialien aus modernen Herstellungsverfahren. Nicht nur, weil sie neu sind – sondern weil sie uns weiterbringen hinsichtlich Funktion, Ressourceneinsparung und Umweltschutz. Unsere Kleidung soll uns nun nicht nur einfach bedecken – und sie muss mehr können, als nur hübsch aussehen. Vielleicht Energie generieren? Oder unsere Gesundheit unterstützen? So atmungsaktiv sein, dass wir sie nicht mehr waschen müssen?

Was tun? Die Antwort liegt – wie oft – in der Vergangenheit: auf die Reise gehen, neue Dinge, Konzepte, Ideen in anderen Industriezweigen finden und sie auf und in die Kleidung übertragen. Stichwort Reißverschluss: Design erkannte das Potenzial, hat es angepasst und damit eine Revolution ausgelöst. Wir können das wieder! Das ist jetzt euer Job, Fashiondesignerinnen und -designer: Eure Sparte hat im Moment nichts an Innovation zu bieten, geht raus, forscht, fragt, experimentiert – lernt!

 

Lisa Lang ist visionäre Gründerin von „ThePowerHouse“ und „ElektroCouture“ sowie Pionierin für Zukunftstrends FashionTech-Industrie.

Events