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FÜR MICH SIND ÜBERRASCHUNGEN TOTAL POSITIV

Stardesigner Stefan Diez über den Reiz des Unerwarteten, seine langjährige Zusammenarbeit mit HAY und den Umbruch zur Kreislaufwirtschaft.

OLIVER HERWIG: Welche Werte verbinden Sie mit HAY?

STEFAN DIEZ: Ein moderner Möbelhersteller, der mit viel Fantasie, Zuversicht und Freude in Projekte reingeht und bereit ist, auch wirklich verrücktes Zeug zu entwickeln. Und das ist es, was uns interessiert. 

OH: 2012 begann die Zusammenarbeit mit „New Order“, einem Regalsystem aus pulverbeschichtetem Aluminium: funktional und klar, als System gedacht.

SD: Mit „New Order“ wollten wir einen Baukasten schaffen, der Räume strukturiert. Wir haben es so konstruiert, dass es jeder selbst aufbauen kann. Das System ist ein guter Standard, mit dem man sich sowohl zu Hause als auch im Büro einrichten kann.

OH: Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit?

SD: Zufall. Rolf Hay und ich waren irgendwie in Singapur gestrandet und trafen uns auf ein Bier. Da hat er gefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Stuhl zu entwerfen. Dieser ist zwar nie fertig geworden, aber zwischendrin starteten wir „New Order“, und als Rolf Skizzen bei uns sah, erkannte er sofort das Potenzial: ein leises System, das HAY näher an die Architektur bringt.

Mit „New Order“ wollten wir einen Baukasten schaffen, der Räume strukturiert. Wir haben es so konstruiert, dass es jeder selbst aufbauen kann. Das System ist ein guter Standard, mit dem man sich sowohl zu Hause als auch im Büro einrichten kann.

New-Order-Regalsystem in Hellgrau. Das System ist modular aufgebaut und ermöglicht zahlreiche Kombinationen und Anwendungen.

OH: Rolf Hay sagte einmal, dass er das Unerwartete an der Kunst liebe. Wie steht das fürs Design?

SD: Das Unerwartete ist einfach toll. Überraschungen sind für mich total positiv besetzt. Diese Qualität versuche ich ganz bewusst herbeizuführen, ja zu provozieren.

OH: Warum das?

SD: Weil es der Überraschung gelingt, Aufmerksamkeit beim Publikum zu schaffen. Dann können wir eine Geschichte erzählen.

OH: Insofern stimmte es bei „New Order“ von Anfang an.

SD: Es war total überraschend, aber auch kein einfaches Projekt. Für HAY öffnete „New Order“ den Weg ins Projektgeschäft.

OH: Zurück zum Zufall und zur Disruption. Lässt sich das bei Möbeln planen?

SD: Das Erwartbare ist relativ leicht. Weiß man, wo die Erwartung liegt, kann man das Unerwartete durchaus provozieren. Wir alle wägen doch laufend Aufwand und Nutzen gegeneinander ab: Nehme ich jetzt die S-Bahn oder lieber das Rad? Es geht immer um die Frage: Lohnt sich der Aufwand? Und was bekomme ich dafür? Das löst Fantasien aus. Wenn wir etwas begehrenswert finden, machen wir uns auf den Weg. Bei Möbeln ist es nicht anders. Also müssen wir etwas bieten, das wirklich überrascht.

Preview des BOA Tables auf der Orgatec Messe 2022 in Köln. Der offizielle Launch-Termin ist der 15. August 2023.

 

OH: Trotzdem sind Klassiker in den letzten 20 Jahren sehr beliebt geworden.

SD: Da geht es einfach um Sicherheit. In allererster Linie um Geschmackssicherheit und in zweiter Linie um Investitionssicherheit. Mit Klassikern kann man nichts falsch machen. Zugleich sieht man ihnen an, dass sie mit viel Liebe gefertigt wurden. Und das kann man nicht von allen heutigen Produkten behaupten.

OH: Stehen denn Klassiker bei Ihnen zu Hause?

SD: Ich habe keinen einzigen Klassiker zu Hause, weil man die schon genug sieht.

OH: Und Gegenwartsmöbel?

SD: Persönlich halte ich die vergangenen 30 Jahre im Design nicht für ausgesprochen glanzvolle Zeiten. Es gibt zwar immer wieder tolle Produkte, aber die große Weiterentwicklung steht aus. Dafür ist Design zu stark von der Globalisierung geprägt, durch Outsourcing und Produktion in Billiglohnländern.

OH: Andererseits: Gibt es denn Revolutionäres im Möbeldesign? Vielleicht die Wendung zur Nachhaltigkeit?

SD: Design ist wirklich an einem Punkt, an dem es sich neu erfinden muss. Dafür braucht es herausragende Firmen. Und einen Paradigmenwechsel, eine klare Aufforderung des Gesetzgebers, endlich kreislauffähige Produkte auf den Markt zu bringen. Alles andere wird über kurz oder lang vom Markt verschwinden. Insofern können wir von Design sehr viel erwarten. Ich glaube, das ist die wohl spannendste Zeit gerade.

OH: Worauf müssen wir uns einstellen?

SD: Dass Produkte sehr viel länger halten werden. Dass sie teurer werden. Und dass wir höchstens noch Bauteile wegwerfen und nicht mehr das ganze Produkt.

OH: Inspiriert Sie das?

SD: Ja, absolut. Wir sind seit mindestens zehn Jahren dabei, Produkte nach diesen Vorgaben zu entwerfen und freuen uns, dass das nun wertgeschätzt wird. „New Order“ beispielsweise ist für die Kreislaufwirtschaft gedacht. Man kann das Möbel recyceln wie ein Aluminiumfenster. Recycling ist eine enorme Herausforderung und wird unglaublich viel Kreatives freisetzen.

OH: Dazu kommt die Rücknahme von Möbeln.

SD: Dadurch wird lokale Produktion wieder mehr Relevanz bekommen, weil es unterm Strich wahrscheinlich günstiger ist, Teile nicht mehr hin und her zu schicken. Da habe ich lieber ein Netzwerk von Handwerksbetrieben, die meine Ideen umsetzen. Ich versende die Baupläne und einen Beschlag oder ein besonderes Detail. Der Rest wird vor Ort hergestellt. Zum Beispiel machen wir gerade Tische für HAY. Die wird es auch ohne Tischplatten geben, weil man diese Tischplatten vielleicht besser vor Ort herstellen lässt.

OH: Der Tisch heißt BOA und wird ab Mitte August erhältlich sein. Woraus besteht er?

SD: Weitgehend aus post-consumer-recycled Aluminium, das heißt aus Verbraucherabfällen, Produkten, die bereits ein Leben hatten und durch Recycling in den Kreislauf zurückgeführt wurden, wie zum Beispiel eine Dose.

OH: Warum der Aufwand?

SD: Das Recycling von Aluminium erfordert nur fünf Prozent der Energie, die für Primäraluminium benötigt wird. Außerdem wird es in Skandinavien mit Wasserkraft recycelt und dort extrudiert. Dadurch ist der CO2-Fußabdruck etwa siebenmal geringer als im globalen Durchschnitt und fast zehnmal kleiner als das in China produzierte Primäraluminium. Wir arbeiten derzeit daran, „New Order“ ebenfalls aus recycelten Materialien herzustellen. BOA ist praktisch komplett recycelbar.

OH: Praktisch – was heißt das?

SD: Bis auf kleine Verbinder aus Kunststoff, die mit Glasfaser verstärkt sind, aber die machen nur einen Bruchteil des Gewichts aus.

OH: Eine echte Disruption.

SD: Ja, klar. Es gab immer wieder Phasen großer Verschiebungen, richtige Kontinentalplatten-Verschiebungen. Genau das passiert gerade. Diese Momente sind natürlich ein guter Nährboden für Kreativität. Während unsere Generation die Generation der Digitalisierung war, wird die jetzige Generation die der Kreislaufwirtschaft. Dieser Umbau wird an Komplexität selbst die industrielle Revolution in den Schatten stellen.

New-Order-Kombination aus Schreibtisch, Regal und Trolley, daneben die Rope-Trick-Stehleuchte.

 

Das Interview mit Stefan Diez erschien erstmals im mcbw mag 2023.