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PORTRAIT AUS HALBDISTANZ

Otl Aicher und die Olympischen Spiele 1972: Ein Doppelinterview zum Doppeljubiläum

Er gilt als das knorrig widerborstige Genie unter den deutschen Nachkriegsdesigner·innen: Otl Aicher, Mitgründer der Hochschule für Gestaltung Ulm, Wegbereiter des Corporate Designs, dessen Hauptwerk, das Erscheinungsbild der Münchner Olympiade 1972, in diesem Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag feiert. Aicher selbst wäre am 13. Mai 2022 hundert Jahre alt geworden. Ein Doppeljubiläum also und Anlass genug, zwei seiner Weggefährten aufzusuchen – um sich Aicher und seinem Werk in Gesprächen mit dem Philosophen Wilhelm Vossenkuhl und dem Fotografen Karsten de Riese anzunähern. Da sich die beiden kennen und sich ihre Erzählungen so wunderbar ergänzten, haben wir uns erlaubt, sie in diesem Artikel auch direkt miteinander ins Gespräch zu bringen.

Wir besuchten Karsten de Riese in seinem ländlichen Domizil mit dem wunderbaren Blick übers Land, unweit von München. 1964 hat er als junger Fotograf, der sich bereits beim SPIEGEL erste Sporen verdient hatte, Aicher kennengelernt, als er sich an der Ulmer Hochschule bewarb. »Wir hatten ein erstes, sehr intensives und persönliches Gespräch, das ungefähr eine halbe Stunde gedauert hat«, erinnert sich de Riese. »Das war keine Prüfungssituation, sondern da war ein großes Wohlwollen. Aicher hat das auf eine Weise gemacht, bei der ich nicht in Angst oder Panik geriet, sondern er hat mir geholfen, das bisschen, was ich mit gerade mal 22 Jahren zu bieten hatte, auch einzubringen.«

»Er war ein Teamplayer« ergänzt Wilhelm Vossenkuhl dieses Bild, das eine eher unbekannte, zugewandte Seite an Aicher offenbart. »Er war immer auch Mentor, aber auf Augenhöhe mit den anderen. Allerdings hat er auch so seine Eigenheiten gehabt. Zum Beispiel, dass am Abend immer der Schreibtisch leer sein musste.« Vossenkuhl, der uns in seiner Wohnung im Münchner Univiertel, dem kreativ-intellektuellen Epizentrum der Stadt empfing, hat Aicher Anfang der achtziger Jahre kennengelernt, als er an dessen Ausstellung über den Philosophen William von Ockham mitgewirkt hat – ein Herzensprojekt des philosophisch durchdrungenen Gestalters, mit dem bezeichnenden Untertitel: das Risiko, modern zu denken. »Er hat unglaublich viel gelesen«, erzählt Vossenkuhl. »Und das schon als Schüler. Von Nietzsche zurück bis Thomas von Aquin und Platon.« Philosophische Erkenntnisse, die immer auch sehr konkret in seine Arbeit eingeflossen sind und ein Kompass im Leben des Antinazis Aicher waren.

»Gegen Hitler denken«, nennt Vossenkuhl dieses Grundmotiv von Aichers Haltung, der nicht nur mit Hans und Sophie Scholl befreundet, sondern auch mit deren Schwester Inge verheiratet war. Eine Haltung, die auch seine Vision vom Erscheinungsbild der Münchner Olympiade maßgeblich bestimmt hat, dessen Realisierung Karsten de Riese als Fotograf intensiv begleitet hat: »Man muss sich vorstellen, dass es 1968, als die Spiele nach München vergeben wurden, nicht wenige Sportfunktionäre gab, die schon 1936 dabei waren. Die fanden das damals ganz toll und wollten genau so etwas 1972 wieder haben – und dann kommt dieser Antinazi Aicher und spuckt denen in die Suppe. Damit hatte er eine Gruppe von Unbelehrbaren, ewig Gestrigen am Hals, die ständig versuchten, ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen.«

Es war ein Bild von einem modernen, weltaufgeschlossenen Deutschland, das Aicher bei den Spielen 1972 gegen alle Widerstände des IOCs vermitteln wollte. »Bei der visuellen Kommunikation musste alles aus einem Guss sein«, beschreibt Vossenkuhl Aichers damals bahnbrechendes Konzept. »Er hat den kompromisslosen Neuanfang gesucht. Endlich einmal etwas machen, was nicht einfach deutsch, national oder historisch war – und das ging bis hin zu den Anzügen der Polizisten, die er von André Courrèges entwerfen ließ.« Schließlich bekamen sogar alle städtischen Mitarbeiter·innen neue Bekleidung. Dabei war es Aicher besonders wichtig, dass keine Hierarchien oder Ränge erkennbar waren – keine Vorgesetzten, keine Untergebenen. »Das war natürlich auch der Geist der 68er«, erinnert sich de Riese. »Die Generation unserer Eltern hatte ja noch die Spiele 1936 bejubelt. Das wollten wir nicht mehr, sondern wir wollten etwas Neues schaffen. Aicher hat das personifiziert und das war an allen Schreibtischen der Abteilung 11, in der wir saßen, spürbar: Aicher wollte mit seiner Vorstellung von Design wirklich etwas verändern.« Wie tief durchdrungen Aicher von der Idee eines anderen Deutschlands gewesen sein muss, lässt eine Bemerkung Vossenkuhls über Aichers Jugend erahnen: »Man muss sich nur vorstellen, dass er einer von drei Schülern in Baden-Württemberg war, der nicht in die SS und die NSDAP eintrat und deswegen kein Abitur machen konnte. Nach dem Krieg bekam er dann ein Abitur geschenkt, damit er wenigstens noch studieren konnte.« Auch Aichers Ablehnung aller strengen Raster, die bis hin zu seinem berühmt-umstrittenen Schriftentwurf, der Rotis reichte, ist diesem widerständigen Geist zuzuschreiben, der allem Lebendigen zugetan war, das sich jedem strengen Reglement entzieht. Dabei war Aicher selbst keineswegs zurückhaltend, wenn es ihm um die Durchsetzung seiner Ideen ging. Oder wie Vossenkuhl ironisch meint: »Zwischen Otl und Aicher hat kein Blatt Papier gepasst.« Und so war er auch bei dem Farbkonzept der Münchner Spiele unnachgiebig und schloss alle Farben, die staatliche Macht repräsentieren könnten, radikal aus. »Es gab kein Rot, kein Schwarz und kein Gold», erinnert sich de Riese, »und ein klerikales Lila gab es auch nicht –, stattdessen gab es die Pastellfarben der bayerischen Landschaft, die grünen Wiesen, das Blau des Himmels.« Und es gab keine Werbung – zum letzten Mal bei Olympischen Spielen. Auch das hat Aicher durchgesetzt und bei Wilhelm Vossenkuhls klingt zwischen den Zeilen durch, dass Aicher dieses Werbeverbot durchaus robust betrieben hat: »Werbung fand er schlimm. Damit wollte er auf Teufel komm raus nichts zu tun haben. Also durften da auch keine Plakate zu sehen sein. Da war er unglaublich kritisch.« Eine kritische Haltung, die offenbar auch dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt zugesagt hat, denn zu Karsten de Rieses großer Überraschung tauchte der – und das auch mit Hans-Dietrich Gensch er und Walter Scheel im Gefolge – in der Abteilung IX auf, um sich über den Stand der Arbeit am Erscheinungsbild ein persönliches Bild zu machen.

Die Olympiade 1972 war hochpolitisch. Nicht nur wegen des entsetzlichen Überfalls der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf das israelische Mannschaftsquartier, sondern auch, weil es dem Gastgeberland Deutschland ein wichtiges Anliegen war, sich der Weltöffentlichkeit als moderne, weltoffene Demokratie zu präsentieren. Entsprechend groß war die Rolle, die das Erscheinungsbild der Olympiade spielen sollte – Design goes Politics: »Die Welt glaubt uns nicht, wenn wir sagen, dass dieses Land anders ist. Wir müssen es der Welt zeigen«, sagte damals Otl Aicher über seinen Gestaltungsauftrag. Üblicherweise wird die Idee, die Olympiade nach München zu holen, dem damaligen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume zugeschrieben. Der hatte schon Mitte der sechziger Jahre gemeinsam mit dem damals in Berlin Regierenden Bürgermeister Willy Brandt den Gedanken verfolgt, die geteilte Stadt wegen ihrer Symbolkraft als Austragungsort vorzuschlagen. In einem Beitrag vom Deutschlandfunk wird jedoch eine angebliche Erinnerung des Münchner Oberbürgermeisters Hans Jochen Vogel zitiert, derzufolge es Willy Brandts Idee war, die Spiele nach München zu holen. Das würde auch erklären, warum diese Olympiade für Brandts politische Agenda einen ganz besonderen Stellenwert gehabt haben könnte – und er sogar Otl Aicher (in Begleitung seines Vizekanzlers und damaligen Außenministers Walter Scheel) aufsuchte, um sich vor Ort über die Arbeit an dem Erscheinungsbild der Spiele zu informieren.

»Das muss man sich mal vorstellen! Der Bundeskanzler kommt vorbei und guckt auf die Schreibtische von den Gestaltern! Aber Brandt hatte eben auch eine Vision, während der ihm nachfolgende Kanzler meinte, wer eine Vision hat, muss zum Arzt gehen. Brandt war Sozialdemokrat reinsten Wassers und sein Satz mehr Demokratie wagen hat genau den Geist ausgedrückt, aus dem heraus wir unsere Arbeit in der Abteilung IX machten.« Umso größer war gerade auch bei Aicher die Erschütterung über das Attentat vom 5. September 1972, als das palästinensische Terrorkommando Schwarzer September das Wohnquartier der israelischen Olympia-Mannschaft stürmte und die Geiselnahme in einer blutigen Katastrophe endete, bei der alle elf israelischen Geiseln ermordet wurden. Auch ein Polizist wurde bei der gescheiterten Befreiungsaktion eines völlig überforderten Polizeiapparats getötet und ebenso fünf der Geiselnehmer. »Man wollte ein Fest machen«, sagt Vossenkuhl, »ohne Gewalt, ohne Terror, ohne die Erinnerung an das deutsche Terrorregime – und dann ist das passiert. Dann ist der Terror plötzlich dagewesen und wieder ging es gegen die Juden. Das hat ihn unglaublich mitgenommen.« »Das war eine solche Zerstörung unserer Ideale«, erinnert sich de Riese. »Ich war selbst so zerstört und sprachlos, dass ich damals nicht mit ihm darüber reden konnte. Dabei hätte er vielleicht jemanden zum Sprechen gebraucht.« Aicher selbst war nach dem Attentat zutiefst verbittert. Ein Wesenszug, der auch die Erinnerung an ihn überschattet. »Er konnte unglaublich in Rage geraten«, erinnert sich Karsten de Riese. »Und das auch Kunden gegenüber. Das war schockierend und faszinierend zugleich. Ich hatte das noch nie erlebt, dass jemand seinen Kunden derart an die Leine legt und dann noch draufhaut. Das wurde dann selbst mir zu viel.« »Er war natürlich gnadenlos«, meint auch Vossenkuhl, »aber er war einfach auch ein genialer Kerl, der das Selbstbewusstsein hatte, zu Kunden zu gehen und ihnen zu sagen, worum es eigentlich geht und wie etwas gemacht werden muss. Das kann man nicht nachahmen. Das kann man auch nicht lernen. Und er hatte die Gabe, Menschen zu entdecken und ihre Begabung zu entwickeln – das sind die großen Leute, die das können.«

Das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972 in München darf mit Fug und Recht als Aichers Hauptwerk bezeichnet werden. Umso mehr verwundert es, dass es ausgerechnet im Jahr des 50. Jubiläums der Spiele noch immer so still darum ist. Mag sein, dass das den tragischen Ereignissen von damals geschuldet ist. Mag aber auch sein, dass sich dabei ein tiefer liegendes Problem Münchens Geltung verschafft, wie Wilhelm Vossenkuhl vermutet. Anstelle eines Schlussworts: »Ich habe nicht das Gefühl, dass München eine Tradition hat, mit den eigenen Werten positiv umzugehen. Dabei gibt es hier eine Menge guter Sachen, aber die Stadt ist nicht stolz darauf und so gibt es auch keine Tradition, so ein wichtiges Ereignis wie 1972 zu würdigen – und zwar mit allem Licht und Schatten. Sollte München aber nicht in der Lage sein, diese Dimension zu erkennen, dann haben wir große Schwierigkeiten, diese Dimension überhaupt zu erkennen.«

Das Doppelinterview führten Boris Kochan und Ulrich Müller für die Ausgabe #71 ihres wöchentlichen Newsletters eight days a week – Streifzüge durch den Wandel, oder kurz 8daw. Mit 8daw wollen Boris Kochan und Freunde Verbindungen erhalten und erneuern, entwickeln und neu begründen … und den Wandel gestalten. Den, der jeden von uns ganz persönlich als Mensch und Bürger betrifft. Und den im großen Ganzen. Mit Fund­stücken und Sichtweisen, Informationen und Meinungen schlägt das 8daw-Team vergnügt der vielfach formulierten Alternativ­losigkeit ein Schnippchen – und lädt ein: zum Mitdenken, zum Gespräch, zur Auseinander­setzung. Zu Themen rund um den Wandel in Gesellschaft, Kultur und Politik, Unternehmen und Organisationen. Mehr dazu unter: eightdaw.com

Der 1945 in Engen geborene Wilhelm Vossenkuhl studierte in München Philosophie, Neuere Geschichte und Politikwissenschaft, wo er 1972 promovierte und 1980 auch habilitierte. 1986 wurde er an die Universität Bayreuth als Professor für Philosophie berufen. Von dort aus führte ihn sein Weg zurück nach München, wo er von 1993 bis 2011 an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Lehrstuhlinhaber für Philosophie I lehrte. Neben seinen akademischen Arbeiten zu Wilhelm von Ockham und Ludwig Wittgenstein hat er sich als Autor und Herausgeber gerade auch populärwissenschaftlicher Werke wie Philosophie für die Westentasche hervorgetan. Einem breiten Publikum wurde er durch seine Zusammenarbeit mit dem Astrophysiker Harald Lesch in einer Reihe von Fernsehsendungen für BR-alpha bekannt, in denen die beiden anspruchsvolle philosophische Fragestellungen im Plauderton anschaulich vermittelten, wie etwa in Geradezu legendär sind auch die Sendungen aus einem Münchner Café unter dem Titel Lesch zu Materie und Geist. Mit Otl Aicher hat schon seit den 80er Jahren verschiedentlich zusammengearbeitet. Zunächst bei einer Ausstellung Aichers zu Ockham sowie im Rahmen eines über viele Jahre laufenden Diskurses zu den philosophischen Grundlagen des Designs. Dabei sind seine beiden Beiträge zu Otl Aichers Büchern "analog und digital" und "schreiben und widersprechen. zu kultur und design – berichte aus der autonomen republik" besonders lesenswert.

Der 1942 in Eisenach geborene Karsten de Riese studierte in München Fotografie und hatte bereits für den SPIEGEL gearbeitet, als Otl Aicher ihn an die Hochschule für Gestaltung in Ulm im Bereich Visuelle Kommunikation aufnahm. Er war unter anderem für die verschiedensten Zeitungen und Magazine tätig und so entstand in mehr als 50 Jahren ein einzigartiges Oeuvre, welches das Erscheinungsbild Deutschlands seit den 1970er Jahren dokumentiert. Neben Langzeitreportagen wie zur innerdeutschen Grenze oder zum Deutschen Bundestag und seinen Porträts bedeutender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hat ihn auch seine fotografische Leidenschaft für die Neue Musik bekannt gemacht und ebenso seine zahlreichen Industriereportagen, die einzigartige Zeugnisse der deutschen Industriekultur sind. Karsten de Riese arbeitet nie im Studio. Er bewegt sich mit seiner Kamera stets unter Menschen und dokumentiert Alltagssituationen, in denen sein untrügliches Auge unter die Oberfläche vermeintlich profaner Situationen dringt und so neue Bedeutungsebenen enthüllt. Von 1970 bis 1972 war er offizieller Fotograf für das Organisationskomitee der Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Wie kein anderer hat er die Entstehung und das Erscheinungsbild des Olympiageländes und seiner Bauten fotografisch festgehalten. Eine Auswahl dieser Aufnahmen zeigt die Bayerische Staatsbibliothek, die das gesamte Archiv mit rund 390.000 Aufnahmen erworben hat, vom 11. Mai bis 4. September 2022 in einer Ausstellung Olympia 1972 in Bildern.

Bildnachweis: Otl Aicher: Fotografiert von Karsten de Riese — ©Bayerische Staatsbibliothek München, Wilhelm Vossenkuhl: Fotografiert von Pavlo Kochan