Sagmeister_6000x6000.jpg

POSITIVE ENTWICKLUNGEN INTERESSIEREN MICH

Er ist einer der bekanntesten Grafikdesigner der Welt. Seine Covers für Lou Reed, Talking Heads, David Byrne oder die Rolling Stones haben Designgeschichte geschrieben. Stefan Sagmeister hat für Levi’s oder das Guggenheim Museum gearbeitet und international beachtete Projekte wie »Happy« oder »Beauty« verwirklicht. Die Grenzen des Grafikdesigns dehnt, verschiebt oder ignoriert er, er zeigt sich als gestaltender Provokateur, Speaker, Entertainer, Forscher oder Philosoph.

Ihre Arbeiten berühren oder überschreiten immer wieder die Grenze zur Kunst. Welchen Sinn macht diese Grenze überhaupt? Und: Wo ordnen Sie Ihre Arbeit zwischen Design und Kunst selbst ein?

Es gibt ein wunderbares Adorno-Zitat, in dem er feststellt, dass es die reine Funktionalität und die reine Funktionslosigkeit gar nicht gibt: »Zweckfreiheit und Zweckhaftigkeit können niemals getrennt voneinander existieren.« Das heißt, alle Designprojekte und alle Kunstarbeiten befinden sich auf der gleichen Ebene, bei manchen spielt die Funktion eine größere Rolle als bei anderen. Das Gleiche gilt auch für alle unsere Arbeiten im Studio.

Von welcher Ihrer Arbeiten würden Sie sagen, dass sie die Grenzen zur Kunst überschritten hat?

In den letzten Jahren haben mich die Arbeiten mit geringerer Funktionalität immer mehr angezogen. Ich habe erstaunlich viele Freunde, die glauben, dass die Welt kurz vor dem Untergang steht, dass wir in der schlechtesten Zeit der Menschheitsgeschichte leben. Aber die Fakten zeigen genau das Gegenteil. Es geht uns besser als je zuvor. Ich sehe mir dafür im Moment Entwicklungen der Menschheit über einen langen Zeitraum an und greife dazu auf bis zu 200 Jahre alte Daten zurück. Was ich sehe ist, dass sich praktisch alles positiv entwickelt hat. Diese positiven Entwicklungen interessieren mich und ich versuche sie zu visualisieren, in der Hoffnung, sie mögen Menschen daran erinnern, dass die ganzen schlechten Nachrichten um uns herum den tatsächlichen Zustand unserer Welt völlig falsch repräsentieren. Dazu verbinde ich 200 Jahre alte Bilder mit zeitgenössischen Kompositionen, die auch Datenvisualisierungen sind.

»Schönheit« wird häufig als »oberflächlich«, gar banal abgewertet. Die Funktionalität hat im Design der Schönheit den Rang abgelaufen. Worin liegt, Ihrer Ansicht nach, die besondere Kraft von Schönheit?

Das »Schöne«« wurde im 19. Jahrhundert als eigener Wert angesehen – auf derselben Höhe wie das »Gute«. Als sich dann im Ersten Weltkrieg sogenannte zivilisierte Nationen auf die brutalste Art umbrachten, verloren viele Künstler, gerade auch Max Ernst und Marcel Duchamp, den Glauben an den Wert des Schönen. Darum Duchamp’s Pissoir als Verneinung der Schönheit. Dieses Denken ist für mich geschichtlich gut nachvollziehbar, heute aber durch hundertjährige Wiederholung im wahrsten Sinne des Wortes überholt und langweilig. Wir selbst sind durch Erfahrung im Studio darauf gekommen, dass immer, wenn wir die Form sehr ernst nehmen und viel Liebe in die Schönheit stecken, die resultierende Arbeit viel besser funktioniert. Wir haben dies in der Zwischenzeit auch bei vielen anderen Beispielen festgestellt: All die funktionalen 70er-Jahre-Wohnblöcke, die in den 90ern schon wieder gesprengt werden mussten, weil niemand darin wohnen wollte, die hätten viel besser funktioniert, wenn Schönheit während der Planungsphase ein Teil des Ziels gewesen wäre. Die besondere Kraft von Schönheit schafft es, dass ich mich in einer schönen Umgebung besser verhalte. Und ich werde mich auch besser fühlen. Ich gehe jeden Morgen auf der High Line in New York laufen und habe dort noch nie ein weggeworfenes Papierchen gesehen. 50 Meter von der High Line im benachbarten Meatpacking District liegt viel Abfall in den Rinnsteinen, aber nicht auf der High Line. Die Sorgfalt, mit der die High Line gestaltet ist, verändert das Verhalten der Besucher.

Mick Jagger soll einmal zu Ihnen gesagt haben: »You are the floaty one.« Fühlen Sie sich damit treffend charakterisiert?

Haha, nein, nicht wirklich. Mr. Jagger sagte das im Bezug auf unser Cover für den Lou Reed. Es zeigte ein an sich helles Portrait von Lou in einer stark dunkelblauen Hülle und erweckte so einen schwebenden Eindruck. Ich selbst schwebe selten und bin eher einer, der mit beiden Füßen am Boden bleibt.

Das Gespräch mit Stefan Sagmeister erschien erstmals im MCBW MAG im Rahmen der MCBW 2022.