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HÄUSER WACHSEN LASSEN

 

Professor Niklas Fanelsa eröffnet an der TUM neue Möglichkeiten für Gestalter:innen. Biodesign revolutioniert Architektur und Design. 

TU München

„Ich habe zwei Forschungsfelder“, sagt Niklas Fanelsa, Professor an der Technischen Universität München: „biobasierte Baustoffe sowie regionale und zirkuläre Wertschöpfungsketten.“ Der Grund leuchtet sofort ein. „Wenn wir über biobasierte Materialien sprechen, macht es Sinn, sie regional und zirkulär einzusetzen.“ Es geht also um geschlossene Kreisläufe und Stoffe, die garantiert nicht schädlich sind für Mensch und Natur, weil sie natürlich entstehenn. 

 

Wenn wir über biobasierte Materialien sprechen, macht es Sinn, sie regional und zirkulär einzusetzen.

Grüne Revolution

Das klingt vielleicht unspektakulär, aber Fanelsa revolutioniert gerade die Art, wie wir bauen und Dinge herstellen. Und er ist nicht allein. Biodesign ist eine Netzwerk von Forscher:innen und Praktiker:innen, es liefert eine Antwort auf die Baustoffkrise und eine Alternative zur linearen Moderne, die immer neue Materialien auf Kosten der Umwelt entwickelte, verschliss und entsorgte. Das könnte nun ganz anders werden. Langfristig lassen sich sogar Produkte oder ganze Gebäude denken, die wachsen statt wie heute gebaut werden. Davor aber steht jede Menge Forschung, und dabei setzt Fanelsa bei grundlegenden Dingen an. An der TUM geht es „von pflanzlichem Material bis hin zu Lebewesen, mit denen man gemeinsam gestaltet“, also von Holz bis hin zu Algen und Bakterien. Und da mache es einfach Sinn, genauer hinzuschauen: Statt den Mais auf dem Feld in Massen vergären zu lassen oder in einen biobasierten Sprit umzuwandeln, untersuchen Fanelsa und sein Team Bestandteile des Mais, ja sogar Abfälle, um daraus neue Materialien zu gestalten –beispielsweise einen Dämmstoff, wie es ein Projekt aus Frankreich tut. Fanelsa ist nicht allein. Das Start-Up Agoprene aus Oslo etwa gewinnt aus Algen und Seetang einen Weichschaumstoff. Auch an der TUM gibt es immer mehr Ausgründungen, die neue Wege gehen.

Schallschutz mit Hopfen

Fanelsa ist Mentor von HopfOn (https://hopfon.com), ein Startup, das aus dem Bierzusatz Akustikpaneele entwickelt. Augenblicklich landen bis zu 80 Prozent der Pflanze als Dünger auf dem Feld. Das ist schon ziemlich kreislaufförmig, aber da geht eben noch mehr. Viel mehr. Seinen persönlichen Weg zur Nachhaltigkeit beschreibt Fanelsa so: Als Architekt hatte er viel mit alten Gebäuden zu tun: „Das Spannende ist doch, dass Häuser früher komplett biologisch abbaubar waren. Sie nutzten Steinen vor Ort, Lehm und Holz. Heute zahlen wir viel Geld, wenn wir Baustoffe wieder entsorgen möchten.“ Sein Wissen um biologisch basierte Baustoffe bringt er seit 2022 in die Forschung ein. Fanelsa weiß, dass Materialien aus Bakterien noch ziemlich exotisch klingen. „Das sind natürlich Bereiche, die wir nicht morgen einsetzen können“ – aber dank Grundlagenforschung vielleicht übermorgen. Wie schnell das gehen kann, beweist HopfOn. Die Idee zu Hopfen-Akustik-Paneelen kam mit der Master Thesis von Marlene Stechl, die zusammen mit Thomas Rojas und Mauricio Fleischer, einem Bauingenieur und einem Investment Manager ein interdisziplinäres Team aufbaute, das bereits auf dem Markt ist.

 

Häuser als CO2-Senke

Auch das ist Gestaltung – die Gestaltung von menschlichen Beziehungen. Fanelsa sieht noch weitere Anwendungen für die dem Hanf verwandten Pflanze. Ein Forschungsprojekt mit einer Wohnungsbaugesellschaft in Regensburg wird Hanfkalkdämmung in größeren Maßstab untersuchen. Das alles gibt nicht zum Nulltarif. Für Fanelsa gehört zur neuen Bauwelt auch die Erkenntnis, dass Nutzer:innen bereit sein sollten, einen „gewissen Mehrpreis“ zu zahlen. Dafür gibt es „niedrigere Energiekosten und ein wohngesundes Raumklima.“

Langfristig geht es dem Bio Design Lab der TUM um etwas ganz Großes: Bauen als CO2-Senke, also Häuser, die mehr CO2 binden als sie bei Bau und Betrieb freisetzen. Das wäre eine sehr erfolgreiche Partnerschaft von Menschen und Natur – und eine sehr effektive, da das Bauwesen noch immer für rund 45 % der CO2-Emissionen verantwortlich ist. Das muss sich schleunigst ändern, auch mit Hilfe von Biochemiker:innen und Wirtschaftsexpert:innen, die Ideen aus der Wissenschaft in die Tat umsetzen.